Warum mich Richard Linklaters Echtzeitfilm über Kunst, Freundschaft und Musik nachhaltig berührt hat
Wir schreiben meinen sechsten Festivaltag auf der Berlinale 2025. Vierzehn Filme haben bereits ihre Spuren hinterlassen – im Kopf wie auch im Körper. Denn mit jedem weiteren Festivaltag verdichtet sich nicht nur das Erlebte, sondern auch der Schlafmangel, unter dem die ein oder andere Früh- und Spätvorstellung bereits leiden musste.
Doch an diesem Dienstagvormittag überwiegt vor allem eines: meine gute Laune und die pure Vorfreude auf die Weltpremiere von „Blue Moon“ (2025), dem neuen Film von Richard Linklater, wegen dem ich unter anderem überhaupt zur Berlinale wollte. Ein guter Freund und Kollege hält mir dankenswerterweise einen Platz im Berlinale Palast frei, die Vorstellung ist – wenig überraschend – auch als Pressevorführung gut besucht.
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Der Film erzählt die Geschichte des Songwriters Lorenz Hart (Ethan Hawke), der den Abend des 31. März 1943 in der Bar Sardi’s verbringt. Hier findet die Premierenfeier des erfolgreichen Musicals „Oklahoma!“ seines ehemaligen Partners, dem Komponisten Richard Rodgers (Andrew Scott) statt, auf der es sich nur so nach anderen bekannten Künstler*innen mit Rang und Namen tummelt. In Echtzeit schildert der Film die Ereignisse des Abends, die ein Bild von Freundschaft, Liebe und Kunst zeichnen, welches mich zutiefst berührt hat.
Schon lange habe ich nicht mehr so viel während eines Films geschmunzelt; vor Freude, Lachen und Traurigkeit Tränen vergossen. Es hat mich so glücklich gemacht, diesen Film in einem so großen Saal mit so vielen anderen Leuten zu sehen, die offenbar genauso viel Spaß hatten wie ich und an den gleichen Stellen wie ich sichtlich ergriffen waren. Ich hätte Ethan Hawke als Lorenz Hart stundenlang zuhören können – nicht nur, weil er diesen fantastisch spielte, sondern weil er dieser Figur derart Leben einhauchte, dass ich ihr hätte weiter zuhören wollen, wie sie begeistert ihre Anekdoten erzählt.
Es fühlte sich für mich so an, als säße ich mit Lorenz Hart am Tresen bei Barkeeper Eddie (Bobby Cannavale) und lausche dem ganzen Geschehen – so als wäre ich wirklich vor Ort dabei und hätte alles miterlebt. Die Dialoge waren anekdotisch, philosophisch, poetisch, scharfsinnig, witzig und mit so viel Sanftmut, Detailverliebtheit und Sentimentalität versehen, dass ich jeder Figur etwas abgewinnen konnte, weil jede Figur in all ihrer Ambivalenz mit so viel Feingefühl und Liebe behandelt wurde.
Trotzdem kam mir ein Andrew Scott ein wenig zu kurz als Richard Rodgers und eine Margaret Qualley ging auch etwas unter als Elizabeth Weiland. Inwiefern das dem Fokus auf Lorenz Hart geschuldet ist oder den wahren Begebenheiten zur damaligen Zeit, das kann ich so leider nicht beurteilen. Auch eine der Fragen, die ich sehr gerne auf der Pressekonferenz gestellt hätte.
Macht es den Film für mich weniger gut? Nein, denn ich konnte mich voll und ganz auf den Film und seine Figuren einlassen. Ich hatte Spaß mit dem Film, war unterhalten, berührt und ergriffen. Dass Lorenz Hart ausgerechnet zwei meiner liebsten Jazzstandards mit „Blue Moon“ (1933) und „My Funny Valentine“ (1937) geschrieben hatte, machte das Kinoerlebnis für mich nur noch besonderer.
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Nach dem Film joggen alle, die die Pressekonferenz von „Blue Moon“ im Anschluss auf dem Schirm haben, ins Grand Hyatt Hotel. Gerade so finde ich noch einen Platz. Ich überlege mir also während des Rennens die Fragen, die ich stellen möchte und schreibe diese am Platz als Notiz in mein Handy. Ich muss auf jeden Fall die Fragen ablesen, denke ich mir. Zu aufgeregt bin ich, mit Richard Linklater und Ethan Hawke in einem Raum zu sitzen. Zu übermüdet bin ich, um noch weiter klar denken und spontan reagieren zu können, denn der Schlafmangel der vergangenen Tage ist hiermit doch allgegenwärtig. So melde ich mich, allerdings nie energisch genug, nie auffällig genug. Ich werte ein Nicken des Moderators als ein OK zu viel und komme natürlich nicht mehr dran, weil ich mich ja auch noch nebenbei auf die Antworten und Fragen der anderen konzentriere. Schade!
Doch schnell verfliegt die Enttäuschung über eine verpasste Frage. Zurück bleibt die Dankbarkeit, diesen Film einer meiner Lieblingsregisseure bei seiner Weltpremiere auf der Berlinale gesehen haben zu dürfen – ein besonderes Kinoerlebnis, das ich so schnell nicht vergessen werde.
Gesehen im Rahmen der Berlinale 2025 in der Sektion Wettbewerb 2025.
Hier ein kleiner Überblick über meine persönlichen Festivalhöhepunkte und ersten Eindrücke zur 24. Ausgabe des FILMZ– Festival des deutschen Kinos in Mainz. Der ausführliche Festivalbericht folgt bald.
Als gebürtige Mainzerin könnte man meinen, dass FILMZ längst zu meinen festen Kinotraditionen gehört. Doch erstaunlicherweise war das bislang (noch) nicht der Fall. Dieser Festivalbesuch war damit tatsächlich überfällig.
Schon zu Schulzeiten kannte ich das FILMZ – und nahm mir jedes Jahr vor, irgendwann hinzugehen. Aber damals fehlte mir der Mut. Ich dachte, dort irgendwie nicht hinzupassen: zu jung, zu wenig filmgebildet, zu unsicher. Und so blieb es lange beim Vorsatz.
2018 hatte ich dann die Ehre, im Capitol & Palatin als Programmkinomitarbeiterin anzufangen. FILMZ habe ich in dieser Zeit vor allem hinter den Kulissen erlebt: hinter dem Tresen, im Projektionsraum, im Kinosaal. Das Festival des deutschen Kinos wird vor allem von ehrenamtlichen, filmbegeisterten Menschen organisiert – überwiegend jungen Filmwissenschafts-Studierenden der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Und wie es bei ehrenamtlich getragenen Festivals oft der Fall ist, waren die Ausgaben sehr unterschiedlich gut organisiert – je nachdem, wer in welchem Jahr welche Aufgaben übernommen hat. Das soll nicht nach versteckter Kritik klingen, das ist schlichtweg die Realität eines jeden Filmfestivals, das auf die Mitarbeit von Ehrenamtlichen und Volontär*innen – und damit auf deren Engagement und Idealismus – angewiesen ist.
Mein „Irgendwann“ wurde schließlich die 24. Ausgabe von FILMZ – meine erste, die ich als akkreditierte Besucherin bewusst wahrgenommen und erlebt habe. Warum ausgerechnet 2025?
Weil ich nach der Berlinale, dem Filmfest München und dem Locarno Filmfestival endlich nicht mehr das Gefühl hatte: Was mache ich hier? Ich gehöre hier nicht hin. Weder so richtig zu den passionierten Kinobesucher*innen noch zum professionellen Fachpublikum. Lange dachte ich, meine Liebe zum Film allein und der Traum, selbst mal Filme zu machen, gäben mir noch kein „Recht“, auf Festivals zu sein. Inzwischen weiß ich: doch genau oder gerade deswegen.
Ich habe die besagten Festivals als sehr unterschiedliche Communities kennenlernen und erleben dürfen. Umso neugieriger war ich auf die FILMZ-Community in meiner Heimatstadt, die mir ja teilweise bereits bekannt war. Gleichzeitig hatte ich die Befürchtung, dass sich weniger junge Menschen für ein Filmwissenschaftsstudium in Mainz entscheiden – zumal die Medienstadt Mainz im Vergleich zu anderen Studienorten filmkulturell eher klein wirkt: ein Programmkino, ein Multiplex – das war’s.
Da hab ich mich zum Glück getäuscht. Denn FILMZ hat spürbar jungen Zuwachs bekommen – und zwar nicht nur in Anzahl, sondern auch in Haltung. Viele neue Gesichter bereichern das Festivalteam mit ihrem Engagement, ihrer Freundlichkeit und Achtsamkeit; sie tragen das Festival in allen Bereichen mit, bis hinein in die Festivalleitung. Selten habe ich eine so herzliche, offene Danksagung an das eigene Festivalteam erlebt wie bei der Eröffnung (!) von FILMZ 2025. Dieser Moment allein hat mich sehr berührt – und hat gleichzeitig den Ton für die folgenden Festivaltage gesetzt.
Hier findet sich nur ein Film wieder, der mich im Gegensatz zu vielen anderen im Publikum deutlich weniger überzeugt hat – und der ironischerweise aber den Langfilmwettbewerb gewonnen hat.
Danke für nichts | 4/10
Fazit
Neben der spürbaren Herzlichkeit des Festivalteams hat mich vor allem das Programm überzeugt: der Dokumentarfilm- und Kurzfilmwettbewerb, das Symposium „Arbeit und Klasse“, das Spotlight: Deutsch-Türkisches Kino sowie die vom Soroptimist Club Mainz kuratierten SI STAR-Filme.
Dass die Wettbewerbe vom Publikum entschieden werden, macht das FILMZ nur noch sympathischer – und beschließt mein Festivaljahr auf genau die liebevolle, inspirierende Weise, die ich mir gewünscht hatte.
Eine essayistische Filmkritik über Techno, Drogen, Eskapismus, Quarterlife Crisis und die Sehnsucht nach Verbindung – in der Berliner Clubkultur
Eine Nacht, ein Rausch, ein Rave.
In „Rave On“ (Regie & Drehbuch: Viktor Jakovleski & Nikias Chryssos) wird nicht viel erklärt, sondern vielmehr erlebt. Wer hier eine stringente Handlung erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Denn dieser Film funktioniert eher wie eine ausufernde Clubnacht: chaotisch, atmosphärisch, treibend, manchmal bewusstseinsverändernd, manchmal einfach nur anstrengend – aber irgendwie trotzdem aufregend und vor allem ehrlich in seiner vermeintlichen Inhaltslosigkeit.
Im Zentrum steht Kosmo (Aaron Altaras), einst gefeierter DJ, heute Produzent, eher Beobachter seiner selbst. Sein Plan für den Abend ist schlicht, fast naiv: Er will seinem Idol Troy Porter (Jamal Moss aka Hieroglyphic Being) in seinem alten Lieblingsclub in Berlin seine neue Platte persönlich überreichen – ein letzter Versuch, einen Traum zu retten, der Jahre zuvor in genau diesem Club zerbrach. Was als relativ simpler Plan beginnt, entgleitet ihm schnell und verwandelt sich in einen fiebrigen Trip, in dem Realität und Rausch, Nostalgie und Ernüchterung miteinander verschwimmen.
„Rave On“ fühlt sich an wie ein durchtanzter Fiebertraum, der sich manchmal zieht, dann wieder beschleunigt, der sich in Stroboskoplicht auflöst und sich irgendwo zwischen Ekstase und Selbstverlust verflüssigt. Man kann ihn nicht kontrollieren. Man muss sich ihm hingeben – oder draußen bleiben.
Die Dialoge wirken lebendig, ungefiltert, beiläufig – erstaunlich realistisch. Sie klingen selten nach „Film“, sondern eher wie die Gespräche, die man um fünf Uhr morgens an irgendeiner Bar führt – mal ehrlich, mal tiefgründig, mal belanglos, mal benebelt, aber für einen kurzen Moment verstanden.
Das Schauspiel – allen voran Aaron Altaras – ist so nuanciert und unmittelbar, dass man die Figur Kosmo fast körperlich fühlen kann. Seine Entschlossenheit. Seine Unsicherheit. Seine Sehnsucht. Sein Stolpern. Sein Straucheln. Sein verzweifeltes Festhalten an einer Vision, die schon beim Betreten des Clubs zum Scheitern verurteilt scheint. Altaras’ bemerkenswerte Intensität und Leichtigkeit im Spiel tragen den Film und machen ihn greifbar. Weil man ihm glaubt. Weil man spürt, dass er etwas sucht – vielleicht Bestätigung, vielleicht Anschluss, vielleicht einfach nur ein kurzer Moment der Wärme.
Kosmo will eigentlich nichts nehmen, will clean bleiben. Doch der Widerstand hält nur so lange, bis ihn die Nacht und ihre Versuchungen einholen. LSD, Speed, Hasch, Keta – der Cocktail wirkt. Nicht zuletzt durch Kamera-, Bild- und Toneffekte kann man förmlich spüren, wie sich die Wahrnehmung mit jeder Substanz verschiebt. Nicht überinszeniert, nicht bagatellisiert – authentisch. Der Geruch von triefendem Schweiß, ein klebriger Clubboden, bekannte Gesichter, pure Reizüberflutung. Einst Kosmos Zuhause, wirkt die Berliner Technoszene auf ihn heute eher fremd: weniger subversiver Rückzugsraum als ästhetisierte Scheinfreiheit, Fake-Deep-Talks, aber auch Momente echter Achtsamkeit und aufrichtiger Menschlichkeit.
Film als Vibe & Kommentar–Der Club als Spiegel der Gesellschaft
Die Berliner Technoszene wird hier nicht verklärt, sondern gespiegelt. Es geht weniger um Musik als um Vibe und Style. Eine Clubnacht wird zur Sinnsuche, zum Fiebertraum zwischen Awareness-Raum und Keta-Überdosis, zwischen spirituellem Palaver und echter Verbundenheit, zwischen Zigaretten nach dem Sex und einem Schulterklopfen von Fremden, das mehr Trost spendet als das Hochgefühl auf dem Dancefloor.
Ja, „Rave On“ hat wenig Plot. Aber genau das macht ihn so treffend. Wie eine echte Partynacht ist er weniger narrativ als atmosphärisch. Rhythmisch, synthetisch, hypnotisch, repetitiv – wie der Sound, den er einfängt. Man wandert von Raum zu Raum, verliert das Zeitgefühl, verliert die Orientierung, verliert irgendwann die eigenen Grenzen. Und am Morgen kommt die Hangxiety, der Comedown, die Leere – aber auch das eigenartige Gefühl, etwas erlebt zu haben, das nur in dieser diffusen Zwischenwelt möglich war.
Da sind wir bei den Fragen, die der Film nur andeutet, aber nie direkt ausspricht – zur Mechanik hinter dem Rausch:
Warum konsumieren wir eigentlich? Warum können wir nicht aufhören, wenn genug ist? Ballern weiter, trinken weiter… bis zum Blackout? Warum bleiben wir noch ein bisschen, wenn wir längst zu müde sind, draußen die Sonne schon aufgeht, der erste Bus wieder fährt?
Ist es wirklich FOMO? Haben wir wirklich Angst, etwas zu verpassen oder ist es die Gier nach mehr? Und nein, nicht unbedingt die Gier im eigentlichen Sinne, kein reiner Hedonismus, sondern eher die Neugier, die einen antreibt, vielleicht eben doch noch zu bleiben? In der leisen Hoffnung, dass doch noch irgendetwas passiert? Etwas von Bedeutung? Etwas, das uns länger vom Alltag entfliehen lässt?
Techno wird hier zur Metapher für Gier, Neugier, Selbstverlust – und das Bedürfnis, sich aufzulösen und gleichzeitig wiederzufinden.
Der Film verharmlost Drogen nicht. Er entzaubert sie. Zeigt, wie leer das Versprechen dahinter ist. Wie fragil das Glück. Wie schnell man im Awareness-Raum landet, ohne sich an den Weg dorthin zu erinnern. Und wie viele Menschen in diesen Nächten eigentlich nach Verbindung suchen, nicht nach Ekstase.
Freiheit & Privileg – die männliche Perspektive
Man könnte fragen: Braucht es wirklich wieder einen männlichen Protagonisten in seiner Quarterlife Crisis? In diesem Fall: ja. Denn ein solcher Film funktioniert gerade deshalb, weil er zeigt, wie unbedarft, kopflos und frei ein Mann sich allein (!) in dieser Nacht treiben lassen kann – ohne Angst vor Übergriffen, ohne ständiges Kontrollieren der eigenen Grenzen. Eine weiblich gelesene Figur hätte diese Nacht nicht so selbstverständlich derart sorglos erleben können – und das ist keine Moralkeule, sondern Realität. Die Naivität, die Freiheit, die Unachtsamkeit des männlichen Protagonisten – das ist ein Privileg.
Zeitgeist, Rausch & Realitäten
Gleichzeitig spiegelt „Rave On“ auch unsere Gegenwart wider. Die Annahme, Gen Z würde kaum noch trinken – „Enthaltsamkeit ist der neue Rausch“ – scheint eine andere Realität auszublenden. Denn Perspektivlosigkeit, Angstzustände, Depression und Stress sind in dieser Generation präsent wie kaum zuvor. Es wäre naiv zu glauben, dass sie deshalb komplett enthaltsam lebt. Die Rauschmittel verändern sich, nicht jedoch der Wunsch nach Rausch. Der Wunsch nach einem kurzen Ausweg aus einer Welt, die zu laut, zu schnell, zu überwältigend ist.
Der Film wird in seinen besten Momenten zu einem Spiegel dieser Lebenswelten. Man kann auch völlig nüchtern auf einem Rave sein und trotzdem oder gerade deswegen die unschönen Seiten und unangenehmen Wahrheiten der aktuellen Partykultur sehen, oder eben seine Augen davor verschließen und so tun, als hätte man diese Parallelwelt nie gesehen. Denn richtig, sich etwas vorzumachen, ist auch eine Form der Realitätsflucht, nur eben eine kontrolliertere und bewusstere.
„Rave On“ ist weder moralische Abrechnung noch verherrlichender Partyfilm. Er ist ein ungeschöntes Porträt einer Berliner Clubnacht – ein Rauschfilm ohne Romantisierung, ein Vibe-Film ohne Pose.
Wer sich darauf einlässt, wird eine ehrliche, rohe, manchmal anstrengende, manchmal faszinierende Erfahrung machen – wie eine Nacht, die nicht unbedingt gut war, aber erkenntnisreich. Eine Nacht, die man teils bereut und gleichzeitig schätzt, weil man irgendwie froh ist, dabei gewesen zu sein.
In diesem Sinne: Rave on – but be aware of the K-hole.
Gesehen im Rahmen des Filmfest München 2025 in der Sektion Neues Deutsches Kino
Mit seinem Langfilmdebüt „Magpie“ (2024) gelingt dem britischen Regisseur Sam Yates ein psychologisches Beziehungsdrama, das geschickt zwischen Neo-Noir- und Thriller-Elementen vor allem mit Erwartungen spielt – mit den Erwartungen der Zuschauer*innen und den der Figuren selbst.
Aber woher kommen eigentlich Erwartungen? Diese müssen nämlich gar nicht an Sehgewohnheiten geknüpft sein. Aber bei „Gewohntem“ sind wir trotzdem auf der richtigen Spur.
Erwartungen im Film – Ein psychologischer Blick auf „Magpie“
Erwartungen sind stark mit Gewohnheiten verknüpft. Sie entstehen im Gehirn durch Erfahrungen, die wir machen. Sei es nun beispielsweise, dass wir als kleines Kind die Herdplatte anmachten, diese heiß wurde und wir uns daran verbrannten. Als Kind mussten wir das vielleicht gar öfter ausprobieren, um das Muster zu erkennen, dass es nicht nur das eine mal so passiert, sondern quasi immer. So speichert unser Gehirn Erfahrungen ab, erkennt wiederkehrende Muster und reagiert mit neuronalen Vorhersagemodellen darauf. An diesem Beispiel wäre die Vorhersage, dass wir davon ausgehen, dass die Herdplatte heiß wird, wenn wir sie anmachen. Wenn eine Erwartung erfüllt wird, wird Dopamin ausgeschüttet, wir werden also belohnt. So entstehen auch Gewohnheiten, da diese unser Gehirn durch einfache Muster entlasten, wir nicht länger über etwas nachdenken müssen als nötig. Denn nicht umsonst sagt man über uns Menschen auch, dass wir Gewohnheitstiere sind. Gewohnheiten sollen schließlich unser Leben vereinfachen.
Vorurteile paradoxerweise aber auch. Denn „Schubladendenken“ soll auch persé unser Leben erst einmal erleichtern. Ein Vorurteil entsteht auch basierend auf Erfahrungen und Mustern, die wiederum auch kulturell und sozial beeinflusst werden. So ist ein Vorurteil zunächst eine Vorhersage, die wir über eine Person oder Situation treffen, basierend darauf. Verfestigen sich diese Vorhersagen, werden Vorurteile gar zur Erwartung. So lässt sich kurz festhalten – wir denken alle in Schubladen, weil unser Gehirn uns das Leben erleichtern möchte, wir müssen uns nur immer dessen bewusst sein durch bewusste Reflexion.
Das Bild einer glücklichen Beziehung?
Der Film eröffnet direkt mit einem Bild im Bild, zeigt es Mutter Anette (Daisy Ridley) wie sie Tochter Matilda (Hiba Ahmed) beim Vorsprechen für eine Filmrolle aufnimmt – eine Metaebene, die später nochmal eine größere Rolle spielt. Wir sehen Vater Ben (Shazad Latif) wie er liebevoll mit seiner Tochter umgeht, unterkühlter mit seiner Frau. Als Anette ihren Mann später um Rat fragt, was sie zum Meeting am nächsten Tag anziehen solle, reagiert dieser komplett desinteressiert. Er hat nur Augen für ein geleaktes Sextape der Schauspielerin Alicia (Matilda Lutz), die Matildas Filmmutter spielen soll. Anette tut Alicia leid und nimmt diese in Schutz, wogegen sich Ben eher despektierlich über sie äußert. Als am nächsten Morgen Ben seine volle Aufmerksamkeit seinem Handy widmet, welches er partout nicht finden kann, anstatt sich um das schreiende Neugeborene Luca zu kümmern, hat sich bereits ein Bild für die Zuschauer*in abgezeichnet. Dass Ben dann noch dazu im Alleingang ohne Absprache die Babysitterin gefeuert hat, dass wichtige Meeting seiner Frau nicht im Kopf hatte und vor den Konsequenzen buchstäblich wegläuft, verfestigt unser Bild von Ben. Er wirkt respektlos, unaufmerksam, stur, ausweichend und egozentrisch. Anette dagegen wenigstens noch bemüht, aber auch frustriert, erträgt jedoch sein respektloses Verhalten öfter als dass sie etwas sagt. So haben wir in den ersten fünf Minuten bereits einen ersten Eindruck der Figuren, ihrer Beziehungen und Dynamik zueinander bekommen. Einen ersten Eindruck, der unsere Erwartungen an die Figuren und die Handlung befüttert.
Vom Sehen und Gesehen werden, ein Exkurs
Der Film zeigt gut das grundlegende Bedürfnis des Menschen auf – nach Bindung. Wir Menschen wollen gesehen und gehört werden, respektiert und wertgeschätzt werden, akzeptiert und geliebt werden, für das was uns ausmacht, für die Person, die wir sind mit Ecken und Kanten. Deshalb kleiden wir uns, präsentieren uns, drücken uns auf diverse Weise aus und kommunizieren so miteinander.
Damit meine ich keine Bewerbungsgespräche, Lebensläufe oder Dating-Profile. Tagtäglich tragen wir unser „Ich“ nach außen in die Welt, ob auf der Arbeit, in der Schule, beim Sport oder beim Einkaufen. Wir kommunizieren nicht nur über Mimik, Gestik und Sprache sondern auch non-verbal und unterbewusst über beispielsweise Pheromone und Hormone in Form von Körpergeruch oder unkontrollierbaren Gefühlsregungen wie z.B. Anziehung, Angst oder Ekel. Durch Erfahrung und Intuition sind uns manche Menschen sympathischer als andere. Wir fühlen uns förmlich angezogen zu ihnen oder gar abgestoßen ohne dass wir es bewusst begründen können.
So kann es also auch vorkommen, dass man in seiner eigenen Fantasie leben kann (tatsächlich kann das Gehirn zwischen Träumen und realen Erinnerungen nicht unterscheiden!) ohne es wirklich zu bemerken – dass man irgendwann im schlimmsten Fall die eigene (Lebens-)Lüge glaubt. Ist man unzufrieden mit sich, seinem Leben oder der Gesamtsituation oder sucht nach Ablenkung oder Unterhaltung als Ausbruch aus der Monotomie des Alltags, freut man sich öfter über jegliche Art von Realitätsflucht.
Figurenzeichnung Ben
So auch unsere Hauptfigur Ben, den die Welt am Filmset seiner Tochter Matilda fasziniert und vom Charisma der empathisch wirkenden Schauspielerin Alicia förmlich angezogen und verzaubert wird. Es bietet ihm eine Fantasie, der er sich völlig hingeben kann, in der er Alicia auf ein Podest heben kann, sie aus der Distanz anhimmeln kann und über Textnachrichten mit ihr eine Verbindung eingehen kann. Eine Verbindung, die sich so real für ihn anfühlt, dass er gar nicht bemerkt, dass der Reiz dieser Verbindung in seiner Fantasie liegt, in der er keine Angst vor Verantwortung, Verpflichtung oder direkten Konsequenzen haben muss.
Es ist für uns nachvollziehbar, warum er sich in diese Fantasie mit Alicia flüchtet, fühlt er sich nicht mehr so geliebt und gesehen von seiner Frau, wie er sich das wünscht. Noch dazu läuft es bei ihm beruflich nicht so gut, sein letzter erfolgreicher Roman lässt auf sich warten und noch dazu macht sich seine eigene Frau über sein Unvermögen als Autor lustig, stellt sein Schreibtalent und seine Werke in kleinen Sticheleien in Frage. Dass Alicia ihm dagegen beim ersten Treffen sogar noch erzählt, dass sie eines seiner Bücher gelesen hat, ist eine Bauchpinselei, die Ben offenbar dringend nötig hat, zu groß und fragil ist sein Ego, um nicht darauf anzuspringen. Was von Alicia vielleicht nur als aufmerksames Kompliment gedacht war, wirkte vermutlich für Ben wie ein übergroßer Ego-Schmeichler, ein Ritterschlag.
Figurenzeichnung Anette
Bild:(c) 55 Films
Für Anette wirken die ganzen verliebten Textnachrichten ihres Mannes dagegen eher wie ein Schlag ins Gesicht. Doch ist es sie, die diese überhaupt erst möglich macht, die durch ihre Manipulation, ihr Eingreifen in eine reale Beziehung zwischen Ben und Alicia, genau diese unmöglich macht.
Über Anette ist uns weniger bekannt, außer dass sie ihren Job in einem Verlag aufgegeben hat, um sich um ihr Neugeborenes zu kümmern und ihren Mann beim Schreibprozess in einem Haus auf dem Land zu unterstützen. Eine Medikation aufgrund ihrer psychischen Gesundheit und ihr teils unterkühlteres Verhalten könnten auch z.B. auf eine Wochenbettdepression hindeuten. Hier bleibt der Film jedoch bewusst uneindeutig.
Viel mehr wird klar, welchen täglichen Herausforderungen sich Anette als Mutter zweier Kinder stellen muss, nimmt ihr Gatte seine Verantwortung weniger wahr und übergeht die Vereinbarungen mit seiner Frau, wenn es um die Kinder geht. Ob ihr Neugeborenes ihre Beziehung vielleicht gar retten sollte? In Gesprächen mit ihrem ehemaligen Chef und einer Bekannten kommt Ben jedenfalls nicht so gut weg, wird indirekt als erfolglos, egozentrisch, unloyal und untreu gezeichnet. Anettes Misstrauen gegenüber der Treue ihres Mannes, ihre Eifersucht und Sticheleien sind damit auch nachvollziehbarer für uns.
Doch ist auch sie keine grundsympathische Figur. Ihr eifersüchtiges, obsessives und manipulatives Verhalten treibt ihren Ehemann und auch ihre Tochter Matilda weiter von ihr weg. Ihre Intepretation von Alicia wie auch unsere Interpretation von Anette und Alicia, ist entscheidend für die Wahrnehmung des Films.
Eine feminine Perspektive = eine feministische Perspektive?
Der Film zeigt mit diesem Fokus seinen eher weiblichen Blick auf die Situation, was man nicht nur an der nuancierten Figurenzeichnung bemerkt, die sich nie in unnötigen Klischees verliert, sondern auch in der ungeschönten, realistischen Darstellung von Mutterschaft. Letzteres wird aktuell zunehmend zum Thema in Filmen gemacht, ob nun in „Roma“ (2018), „Tully“ (2018), „Paralle Mütter“ (2021), „Frau im Dunkeln“ (2022), „If I Had Legs I’d Kick You“ (2025) oder „Cicadas“ (2025).
Ist die Manipulation also „nur“ eine Retourkutsche einer übergangenen, unterdrückten Frau, die sich so Macht und Respekt erkämpfen will? Oder ist es doch eine gezielte Sabotage einer aufkeimenden Bindung ihres Mannes, die sie ihm nicht gönnt aus Eifersucht und Angst? Der Film gibt darauf keine eindeutige Antwort.
Toxische Beziehungsdynamiken, die an „Gone Girl“ und „Der seidene Faden“ erinnern
Diese Ambivalenz der beiden Hauptfiguren sorgt dafür, dass wir immer wieder unserer eigenen Sympathien aufs Neue hinterfragen. Sowohl Ben als auch Anette verhalten sich manipulativ, treffen moralisch fragwürdige Entscheidungen, instrumentalisieren Unbeteiligte und sich gegenseitig. Es ist ein Film über eine unglückliche Ehe mit einer ungesunden Beziehungsdynamik, in der zwei Menschen einander nicht guttun und längst nicht mehr ihr bestes „Ich“ sind. Der Film urteilt nicht, sondern lässt das Publikum selbst abwägen.
Darüberhinaus lassen sich einige Parallelen zu „Gone Girl“ (2014) und „Der seidene Faden“ (2017) ziehen – ob nun die subtile, aber durchdringende Manipulation oder die unterschwellige, emotionale Grausamkeit inmitten scheinbarer Liebe. Doch „Magpie“ fügt dem eine weitere Ebene hinzu: Er erzählt viel über Mutterschaft. Über die Rolle einer Frau in einem derartigen Beziehungskonstrukt, über die Frage, inwieweit eine Mutter ihr eigenes Glück für die Familie opfert – oder ob sie nicht selbst eine Rolle spielt, die sie bewusst aufrechterhält.
Auch wir nehmen Rollen auf verschiedenen (Meta-)Ebenen ein. Als aufmerksames Publikum des Films „Magpie“. Als Beobachter*in der Handlung des Historienfilms und ihren übertragbaren Figuren (Mutter-Tochter) in der Handlung des eigentlichen Films. Als reflektierter Mensch, der sich in verschiedenen Situation und/oder Figuren wiederfindet.
„Magpie“ kreist um den Drang nach Bestätigung, um die Macht von Wunschbildern und die fragile Konstruktion von zwischenmenschlichen Beziehungen – in der Liebe wie im Leben. Ein überraschend vielschichtiger Film, der uns vor Augen führt, wie leicht wir uns täuschen lassen – von anderen und uns selbst.