Kategorie: Kritik

  • Jahresrückblick 2025 | Leon 

    Jahresrückblick 2025 | Leon 

    Bild: © Two Seasons, Two Strangers Production / The Fool / Bitters End

    Das Kinojahr 2025 ist vorbei und für mich bleibt ein etwas ernüchterter Blick zurück. Ich habe mich in diesem Jahr eher auf ältere Filme (und meine Bachelorarbeit) konzentriert, weshalb ich weniger gesehen habe als gewöhnlich. Listenkandidaten wie „One Battle After Another“ oder „Sentimental Value“ blieben mir bisher verwehrt – Filme wie „Bugonia“ und „Ein einfacher Unfall“ haben mich leider enttäuscht.  

    Es verbleiben fünf Filme, die in für mich aktiveren Kinojahren teilweise auch auf einer Geheimtipp-Liste hätten landen können. Diese sollen nun hier gebührend Erwähnung finden! Achtung: Manche Filme haben ihren Kinostart erst 2026 oder suchen noch einen Verleih.

    Unter den Filmen finden sich zwei weitere Top-Listen: Eine mit Lang- und eine mit Kurzfilmen, die ich 2025 entdeckt habe. Wirf auch dort gerne einen Blick hinein!

    Ich blicke hinaus auf ein ereignisreicheres 2026 – für meinen Letterboxd-Account, aber auch für Cinescaped!   

    1. „The Mastermind“  

    Bild: © Mubi

    Mein Liebling aus diesem Jahr! Josh O’Conner spielt das, was er am besten spielt: Einen Drifter auf der Suche nach etwas – in diesem Fall etwas nicht Vorhandenem. Kelly Reichardt inszeniert hier einen Slow-Heist-Film, der seine eigenen Strukturen nach und nach auflöst.  

    2. „Eight Postcards from Utopia“ 

    Bild: © Heretic

    Hochinteressante Found-Footage-Dokumentation von Radu Jude und Christian Ferencz-Flatz, bestehend aus Werbeclips aus dem postsozialistischen Rumänien. In acht Kategorien aufgeteilt, offenbart der Film in den Kapitalismus gesetzte Hoffnungen, die heute (und wohl auch damals) absurd wirken. André Pitz schrieb passend in seiner Review: „Es wird suggeriert: Der Mensch ist nur, wenn er konsumiert.“ 

    3. „Do You Love Me?“

    Bild: © Lightdox / Films de Force Majeure / My Little Films / Wood Water Films

    Von Lana Daher kuratierte audiovisuelle Reise durch 70 Jahre libanesische Geschichte. Beim Q&A auf dem Filmfest Hamburg erzählte einer der Produzenten, dass Daher erst durch den Film erkannt habe, dass sie in einem Kriegsgebiet aufgewachsen ist. Die Spuren haben sich im Material verewigt. 

    4. „Kontinental 25‘“

    Bild: © Grandfilm

    Moralische Abgründe à la Radu Jude. Über eine Gerichtsvollzieherin (Eszter Tompa), die nach dem Selbstmord eines Obdachlosen, an dem sie eine Teilschuld trägt, verzweifelt versucht ihr Gewissen reinzuwaschen. Judes Satire wird begleitet von einem für ihn charakterisierenden Internet-Humor. Sidenote: In einer Bar hängt ein „Kuhle Wampe: oder Wem gehört die Welt?“-Poster! Über den Film habe ich im Sommer meine Bachelorarbeit geschrieben und zur Zensurgeschichte des Films erscheint demnächst ein Artikel. 

    5. „Two Seasons, Two Strangers“ 

    Bild: © Two Seasons, Two Strangers Production / The Fool / Bitters End

    Ein Film-in-Film: Regisseur Shô Miyake untersucht in zwei Episoden die Beziehungen von Fremden, die an unterschiedlichen Orten und Jahreszeiten aufeinandertreffen. Im Fokus stehen dabei nicht nur die Jahreszeiten Sommer und Winter, sondern auch die Elemente Wasser und Eis. Herausgekommen ist ein ruhiger, minimalistischer und angenehm zu schauender Film. 

    Alte Neu-Entdeckungen

    1. The Strange Case of Angelica (2010)
    2. High and Low (1963)
    3. Blow Out (1981)
    4. Once (2007)
    5. Jacquot de Nantes (1991)
    6. Mishima – Life in Four Chapters (1985)
    7. Deep Red (1975)
    8. The Bitter Stems (1956)
    9. Fargo (1996)
    10. Le Circle Rouge (1970)

    Kurzfilm-Entdeckungen

    1. Lloyd Wong, Unfinished (2025)
    2. Der Ausdruck der Hände (1997)
    3. Buba (1930)
    4. Castle of Otranto (1977)
    5. Roulement, rouerie, aubage (1978)
    6. Podwórka (2009)
    7. Nr. 1 – Aus Berichten der Wach- und Patrouillendienste (1985)
    8. The Exquisite Corpus (2015)
    9. Chess Fever (1925)
    10. New York Portrait, Chapter II (1981)

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  • „Lurker“ (2025) – Filmkritik: Wenn Fan-Sein zur Obsession wird

    „Lurker“ (2025) – Filmkritik: Wenn Fan-Sein zur Obsession wird

    Bild: © Universal Pictures International Germany

    Théodore Pellerin und Archie Madekwe glänzen in Alex Russells Regiedebüt – Ein Psychothriller über Ruhm, Anerkennung und soziale Hierarchien

    Der junge Matthew (Théodore Pellerin) arbeitet in einem Bekleidungsladen, wo er auf den angehenden Popstar Oliver (Archie Madekwe) trifft. Mit einer scheinbar unbedeutenden Geste zieht er Olivers Aufmerksamkeit auf sich – und gewinnt ihn für sich. Oliver nimmt Matthew in seinen inneren Kreis auf. Matthew genießt diesen besonderen Status in Olivers Entourage, bis er merkt, dass er gar nicht so besonders ist, wie er dachte und eben doch austauschbar ist.


    Zu Beginn erweckt „Lurker“ den Eindruck eines leichten Dramas über eine ungleiche Freundschaft – vielleicht sogar einer schwulen Liebesgeschichte. Stattdessen entfaltet sich eine tiefgründige Charakterstudie über Star und Fan.


    Oliver lebt in einer Blase aus Ja-Sagern, die ihm genau das geben, was er hören und sehen will. Eine klare soziale Hierarchie bestimmt sein Umfeld. Für seine Fans und seine Entourage ist er „jemand“ – bewundert, beachtet, unantastbar. In diese Welt tritt Matthew, der vermeintlich naive Außenseiter, der jedoch genau weiß, wie er Oliver beeindrucken kann. Was anfangs wie eine authentische Freundschaft wirkt, wird bald zu einem manipulativen Spiel um Einfluss und Status.


    Hier zeigt sich das zentrale Thema des Films: Menschen wollen gesehen werden. Und manche gehen dafür weit – um bestimmten Menschen zu gefallen, um zu bestimmten Bubbles zu gehören. Ein gewisses Ansehen, eine gewisse Sinnhaftigkeit zu genießen, weil sie sich dann wie „jemand“ fühlen. Weil sie sich dann so fühlen, als wären sie etwas Besonderes. Matthews Streben nach Anerkennung spiegelt sich in Olivers Selbstinszenierung als gefeierter Künstler wider, der seine Bestätigung aus der Bewunderung seiner Fans zieht.

    Mit seinem cleveren Drehbuch und einer inszenatorischen Finesse, dem wiederholten Spiel mit Meta-Perspektiven, entwickelt der Film eine düstere Sogwirkung mit erfrischend kreativen Kniffen. Der Plot ist nicht so leicht zu durchschauen und hält einen konstant neugierig. Besonders hervorzuheben ist der raffinierte Einsatz der Kamera, die eine zusätzliche narrative Ebene eröffnet, die unter anderem Matthews Blick auf die Welt und seine wachsende Obsession spürbar macht.


    Nicht zuletzt sorgt das überragend nuancierte Schauspiel von Théodore Pellerin und Archie Madekwe in den Hauptrollen, wie auch das stimmige Spiel des gesamten Casts, dafür, dass wir mit den Figuren mitfühlen, mitfiebern, leiden und rätseln.


    So entfaltet sich ein spannender, verstörender Psychothriller, dessen zynisches Ende voller schwarzem Humor noch lange nachhallt. Subtil, aber konsequent, spiegelt der Film die Einsamkeit, fehlende Selbstwirksamkeit, mangelnde Reflektionsfähigkeit und Orientierungslosigkeit unserer Gesellschaft in der Social-Media-Ära wider. Man sehnt sich augenscheinlich nach Ehrlichkeit und Authentizität, sieht sich dieser dann doch nicht gewachsen und flüchtet sich in oberflächliche Verbindungen.


    Tonal bewegt sich der Film geschickt zwischen Indie-Ästhetik, stylischen Bildern und bewusstem Cringe. Doch nicht nur das: Der Film ist auch ein scharfsinniger Kommentar über Stardom, blindem Fan-Sein, die Musikindustrie, Selbstbild und künstlerische Wahrheit – über das, was wir verkaufen und wie wir es verkaufen.

    Gesehen im Rahmen der Berlinale 2025 in der Sektion Berlinale Special Gala.

    Bewertung: 9/10 ♥️

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  • „Rave On“ (2025) – Warum wir bleiben, wenn wir längst gehen sollten

    „Rave On“ (2025) – Warum wir bleiben, wenn wir längst gehen sollten

    Bild: © Weltkino

    Eine essayistische Filmkritik über Techno, Drogen, Eskapismus, Quarterlife Crisis und die Sehnsucht nach Verbindung – in der Berliner Clubkultur

    Eine Nacht, ein Rausch, ein Rave.

    In Rave On“ (Regie & Drehbuch: Viktor Jakovleski & Nikias Chryssos) wird nicht viel erklärt, sondern vielmehr erlebt. Wer hier eine stringente Handlung erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Denn dieser Film funktioniert eher wie eine ausufernde Clubnacht: chaotisch, atmosphärisch, treibend, manchmal bewusstseinsverändernd, manchmal einfach nur anstrengend – aber irgendwie trotzdem aufregend und vor allem ehrlich in seiner vermeintlichen Inhaltslosigkeit.

    Im Zentrum steht Kosmo (Aaron Altaras), einst gefeierter DJ, heute Produzent, eher Beobachter seiner selbst. Sein Plan für den Abend ist schlicht, fast naiv: Er will seinem Idol Troy Porter (Jamal Moss aka Hieroglyphic Being) in seinem alten Lieblingsclub in Berlin seine neue Platte persönlich überreichen – ein letzter Versuch, einen Traum zu retten, der Jahre zuvor in genau diesem Club zerbrach. Was als relativ simpler Plan beginnt, entgleitet ihm schnell und verwandelt sich in einen fiebrigen Trip, in dem Realität und Rausch, Nostalgie und Ernüchterung miteinander verschwimmen.

    Rave On“ fühlt sich an wie ein durchtanzter Fiebertraum, der sich manchmal zieht, dann wieder beschleunigt, der sich in Stroboskoplicht auflöst und sich irgendwo zwischen Ekstase und Selbstverlust verflüssigt. Man kann ihn nicht kontrollieren. Man muss sich ihm hingeben – oder draußen bleiben.

    Die Dialoge wirken lebendig, ungefiltert, beiläufig – erstaunlich realistisch. Sie klingen selten nach „Film“, sondern eher wie die Gespräche, die man um fünf Uhr morgens an irgendeiner Bar führt – mal ehrlich, mal tiefgründig, mal belanglos, mal benebelt, aber für einen kurzen Moment verstanden.

    Das Schauspiel – allen voran Aaron Altaras – ist so nuanciert und unmittelbar, dass man die Figur Kosmo fast körperlich fühlen kann. Seine Entschlossenheit. Seine Unsicherheit. Seine Sehnsucht. Sein Stolpern. Sein Straucheln. Sein verzweifeltes Festhalten an einer Vision, die schon beim Betreten des Clubs zum Scheitern verurteilt scheint. Altaras’ bemerkenswerte Intensität und Leichtigkeit im Spiel tragen den Film und machen ihn greifbar. Weil man ihm glaubt. Weil man spürt, dass er etwas sucht – vielleicht Bestätigung, vielleicht Anschluss, vielleicht einfach nur ein kurzer Moment der Wärme.

    Kosmo will eigentlich nichts nehmen, will clean bleiben. Doch der Widerstand hält nur so lange, bis ihn die Nacht und ihre Versuchungen einholen. LSD, Speed, Hasch, Keta – der Cocktail wirkt. Nicht zuletzt durch Kamera-, Bild- und Toneffekte kann man förmlich spüren, wie sich die Wahrnehmung mit jeder Substanz verschiebt. Nicht überinszeniert, nicht bagatellisiert – authentisch. Der Geruch von triefendem Schweiß, ein klebriger Clubboden, bekannte Gesichter, pure Reizüberflutung. Einst Kosmos Zuhause, wirkt die Berliner Technoszene auf ihn heute eher fremd: weniger subversiver Rückzugsraum als ästhetisierte Scheinfreiheit, Fake-Deep-Talks, aber auch Momente echter Achtsamkeit und aufrichtiger Menschlichkeit.

    Film als Vibe & Kommentar Der Club als Spiegel der Gesellschaft

    Die Berliner Technoszene wird hier nicht verklärt, sondern gespiegelt. Es geht weniger um Musik als um Vibe und Style. Eine Clubnacht wird zur Sinnsuche, zum Fiebertraum zwischen Awareness-Raum und Keta-Überdosis, zwischen spirituellem Palaver und echter Verbundenheit, zwischen Zigaretten nach dem Sex und einem Schulterklopfen von Fremden, das mehr Trost spendet als das Hochgefühl auf dem Dancefloor.

    Ja, „Rave On“ hat wenig Plot. Aber genau das macht ihn so treffend. Wie eine echte Partynacht ist er weniger narrativ als atmosphärisch. Rhythmisch, synthetisch, hypnotisch, repetitiv – wie der Sound, den er einfängt. Man wandert von Raum zu Raum, verliert das Zeitgefühl, verliert die Orientierung, verliert irgendwann die eigenen Grenzen. Und am Morgen kommt die Hangxiety, der Comedown, die Leere – aber auch das eigenartige Gefühl, etwas erlebt zu haben, das nur in dieser diffusen Zwischenwelt möglich war.

    Da sind wir bei den Fragen, die der Film nur andeutet, aber nie direkt ausspricht – zur Mechanik hinter dem Rausch:

    Warum konsumieren wir eigentlich? Warum können wir nicht aufhören, wenn genug ist? Ballern weiter, trinken weiter… bis zum Blackout? Warum bleiben wir noch ein bisschen, wenn wir längst zu müde sind, draußen die Sonne schon aufgeht, der erste Bus wieder fährt?

    Ist es wirklich FOMO? Haben wir wirklich Angst, etwas zu verpassen oder ist es die Gier nach mehr? Und nein, nicht unbedingt die Gier im eigentlichen Sinne, kein reiner Hedonismus, sondern eher die Neugier, die einen antreibt, vielleicht eben doch noch zu bleiben? In der leisen Hoffnung, dass doch noch irgendetwas passiert? Etwas von Bedeutung? Etwas, das uns länger vom Alltag entfliehen lässt?

    Techno wird hier zur Metapher für Gier, Neugier, Selbstverlust – und das Bedürfnis, sich aufzulösen und gleichzeitig wiederzufinden.

    Der Film verharmlost Drogen nicht. Er entzaubert sie. Zeigt, wie leer das Versprechen dahinter ist. Wie fragil das Glück. Wie schnell man im Awareness-Raum landet, ohne sich an den Weg dorthin zu erinnern. Und wie viele Menschen in diesen Nächten eigentlich nach Verbindung suchen, nicht nach Ekstase.

    Freiheit & Privileg – die männliche Perspektive

    Man könnte fragen: Braucht es wirklich wieder einen männlichen Protagonisten in seiner Quarterlife Crisis?
    In diesem Fall: ja. Denn ein solcher Film funktioniert gerade deshalb, weil er zeigt, wie unbedarft, kopflos und frei ein Mann sich allein (!) in dieser Nacht treiben lassen kann – ohne Angst vor Übergriffen, ohne ständiges Kontrollieren der eigenen Grenzen. Eine weiblich gelesene Figur hätte diese Nacht nicht so selbstverständlich derart sorglos erleben können – und das ist keine Moralkeule, sondern Realität. Die Naivität, die Freiheit, die Unachtsamkeit des männlichen Protagonisten – das ist ein Privileg.

    Zeitgeist, Rausch & Realitäten

    Gleichzeitig spiegelt „Rave On“ auch unsere Gegenwart wider. Die Annahme, Gen Z würde kaum noch trinken – „Enthaltsamkeit ist der neue Rausch“ – scheint eine andere Realität auszublenden. Denn Perspektivlosigkeit, Angstzustände, Depression und Stress sind in dieser Generation präsent wie kaum zuvor. Es wäre naiv zu glauben, dass sie deshalb komplett enthaltsam lebt. Die Rauschmittel verändern sich, nicht jedoch der Wunsch nach Rausch. Der Wunsch nach einem kurzen Ausweg aus einer Welt, die zu laut, zu schnell, zu überwältigend ist.

    Der Film wird in seinen besten Momenten zu einem Spiegel dieser Lebenswelten. Man kann auch völlig nüchtern auf einem Rave sein und trotzdem oder gerade deswegen die unschönen Seiten und unangenehmen Wahrheiten der aktuellen Partykultur sehen, oder eben seine Augen davor verschließen und so tun, als hätte man diese Parallelwelt nie gesehen. Denn richtig, sich etwas vorzumachen, ist auch eine Form der Realitätsflucht, nur eben eine kontrolliertere und bewusstere.

    Rave On“ ist weder moralische Abrechnung noch verherrlichender Partyfilm. Er ist ein ungeschöntes Porträt einer Berliner Clubnacht – ein Rauschfilm ohne Romantisierung, ein Vibe-Film ohne Pose.

    Wer sich darauf einlässt, wird eine ehrliche, rohe, manchmal anstrengende, manchmal faszinierende Erfahrung machen – wie eine Nacht, die nicht unbedingt gut war, aber erkenntnisreich.
    Eine Nacht, die man teils bereut und gleichzeitig schätzt, weil man irgendwie froh ist, dabei gewesen zu sein.

    In diesem Sinne: Rave on – but be aware of the K-hole.

    Gesehen im Rahmen des Filmfest München 2025 in der Sektion Neues Deutsches Kino

    Bewertung: 7/10

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  • „Islands“ (2025) – Filmkritik: Slow-Burn Mystery-Thriller im Urlaubsgewand

    „Islands“ (2025) – Filmkritik: Slow-Burn Mystery-Thriller im Urlaubsgewand

    Bild: © Juan Sarmiento G. / 2025 augenschein Filmproduktion, LEONINE Studios

    Jan-Ole Gersters Vacation Noir setzt auf subtile Spannung, hypnotische Atmosphäre und ein rätselhaftes Beziehungsgeflecht auf Fuerteventura.

    In „Islands“ sehen wir Tennistrainer Tom (Sam Riley) bei seiner Arbeit auf der kanarischen Insel Fuerteventura. Wenn er nicht auf dem Tennisplatz ist, vertreibt er sich seine Zeit mit Partys, Alkohol und flüchtigen Affären. Bis er eines Tages die Familie Maguire kennenlernt, die ihn aus seiner Alltagsmonotomie herauszuholen scheint. Anne (Stacy Martin) möchte unbedingt Tennisstunden für ihren Sohn Anton (Dylan Torrell) bei Tom buchen und freundet sich mit ihm an. Tom versteht sich auf Anhieb gut mit Anne, ihrem Mann Dave (Jack Farthing) und dem kleinen Anton und führt die Familie auf der Insel herum. Doch die Idylle trügt: Spannungen zwischen Anne und Dave werden immer spürbarer und plötzlich verschwindet Dave spurlos. Anne und Tom werden verdächtigt, etwas mit dem Verschwinden zu tun zu haben.


    „Islands“ ist ein Paradebeispiel für meisterhaftes Slow-Burn-Kino. Ein Vacation Noir, der mit faszinierenden Bildkompositionen und einer dichten, geheimnisvollen Atmosphäre fesseln kann – ähnlich wie „Burning“ (2018) oder die Serie „Ripley“ (2024). Natürlich weckt der Film auch Assoziationen an „Der talentierte Mr. Ripley“ (1999) – allein durch die Dreier-Figuren-Konstellation und das Urlaubs-Setting.

    Stilistisch erinnert der Film allerdings weit stärker an die Serie „Ripley“, insbesondere in der statischen, perfekt komponierten Bildsprache, die eine trügerische Harmonie ausstrahlt bis kleine Unruhemomente diese Ordnung brechen und Unbehagen erzeugen. Dieser visuelle Stil weist auch Parallelen zu Yorgos Lanthimos auf, der mit seinen fotografisch anmutenden, beinahe triptychonartigen Kompositionen ein ähnliches Spannungsverhältnis schafft.

    Doch „Islands“ funktioniert nicht nur über seine hypnotischen Bilder. Es ist das langsame Erzähltempo, das seine eigene Sogkraft entfalten kann. Der Film packt dabei nicht mit klassischen Thriller-Mechanismen, sondern zieht durch eine stetige, schleichende Ungewissheit seine Zuschauer*innen in seinen Bann.

    Wer sich darauf einlässt, wird in einen rätselhaften Strudel aus Andeutungen und latenter Bedrohung gezogen, was wiederum an „Burning“ erinnert.

    Sam Rileys Schauspiel ist so facettenreich in seiner Subtilität, dass das, was durch Mimik oder Gestik transportiert wird, oft mehr sagt als die gesprochenen Worte allein.

    So entsteht ein Mystery-Crime-Film, der viel Raum für unterschiedliche Interpretationen und Lesarten lässt.

    Für mich ist es ein Film über verpasste Chancen, Verantwortung, Verpflichtung, Freiheit und die eigene Sinnhaftigkeit.

    Gesehen im Rahmen der Berlinale 2025 in der Sektion Berlinale Special Gala.

    Bewertung: 8/10 ♥️

    Ausschnitt von Melanie aus der Pressekonferenz zu Islands vom 16.02.2025

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  • „A Thousand and One“ (2023) – Filmkritik: Ein bewegendes Sozialdrama über Identität, Gentrifizierung und Mutterliebe

    „A Thousand and One“ (2023) – Filmkritik: Ein bewegendes Sozialdrama über Identität, Gentrifizierung und Mutterliebe

    Bild: (c)Universal Pictures / Focus Features, eOne Features, LLC

    Ein kraftvolles Regiedebüt von A.V. RockwellTeyana Taylor brilliert in einer authentischen Geschichte über Kampf, Hoffnung und die Schattenseiten New Yorks.

    New York City, 1994: Die obdachlose Inez (Teyana Taylor) kehrt von einem Gefängnisaufenthalt zurück in die Straßen Brooklyns und versucht sich als Friseurin durchzuschlagen. Als sie mitbekommt, dass sich ihr 6-jähriger Sohn Terry (Aaron Kingsley Adetola), nach dem Versuch aus seiner Pflegefamilie auszubrechen, verletzt im Krankenhaus befindet, beschließt die unerschrockene Inez ihren Sohn zu entführen. Gemeinsam gelingt es ihnen, sich ein neues, gutes Leben aufzubauen, bis ihr Geheimnis aufzufliegen droht.

    „I’ll go to war for you, you know that? Against anybody. Against this whole fucked-up city.“ 

    A Thousand and One (2023) ist ein Film über Mutter und Sohn auf der Suche nach Identität & Stabilität in einer Welt voller Armut, Rassismus & systemischer Diskriminierung

    Mit starken, lebendigen Bildern der sich wandelnden, gentrifizierenden Stadt New York Citys, einem eindrucksvoll atmosphärischem Score und einem großartigen Schauspiel des gesamten Casts, überzeugt der Film mit dem Realismus seiner Bilder, übt damit beobachtend seine eindringliche Kritik an Politik und Gesellschaft. 

    Der unermüdliche Kampf der Mutter Inez, ihrem Kind unter allen Umständen eine Zukunft zu ermöglichen, die ihr selbst aufgrund ihrer Herkunft und Biographie verwehrt geblieben ist, berührt dank der hervorragend nuancierten Performance Teyana Taylors.

    „Look. I don’t know what the fuck to tell you, T. But there’s more to life than fucked-up beginnings.“ 

    Der Film schafft eine Form der Authentizität, die über erzählstrukturelle Lücken und Längen hinwegsehen lässt, da sie sich trotz episodenartigen Aufbaus organisch nachvollziehbar zu einem stimmigen Mosaik zusammenfügen

    Nur zurecht wurde das Debüt (!!) der afroamerikanischen Regisseurin und Drehbuchautorin A.V. Rockwell, die selbst in Queens, New York geboren und aufgewachsen ist, mit dem Hauptpreis der Jury auf dem Sundance-Festival prämiert.

    Bewertung: 8/10 ♥️

    Abenteuer Animation Berlinale Berlinale 2025 Biopic Deutsches Kino Doku Drama Fantasy Festivalberichterstattung Filme Filmfestival Filmfest München FILMZ Horror Kino Komödie Krimi Kurzfilm Liebe Miniserie Musik Mystery Neo-Noir Psychothriller Romanze Satire Sci-Fi Serie Streaming Thriller Wahre Begebenheiten

  • „Yannick“ (2023) – Filmkritik: Quentin Dupieux’ clevere Gesellschaftssatire über Kunst, Elitismus und die Macht des Zuhörens

    „Yannick“ (2023) – Filmkritik: Quentin Dupieux’ clevere Gesellschaftssatire über Kunst, Elitismus und die Macht des Zuhörens

    Bild: © Chi-Fou-Mi Productions, Atelier de Production

    Ein unerwarteter Theatercrash wird zur schonungslosen Reflexion über Privilegien, Empathie und den fehlenden Dialog in unserer Gesellschaft.

    Yannick“ ist viel mehr als eine böse Gesellschaftssatire, die mit den Zuschauererwartungen spielt. Ist der Film auf der Meta-Ebene sicherlich auf den ersten Blick vor allem auch als Kritik an den eingefahrenen Formen von Kunst, Intellektualismus & Elitismus zu verstehen, entfaltet das Kammerspiel in seiner kurzen Laufzeit peu à peu noch viel mehr Spielraum für Interpretationen und regt weiter Diskurse über Kunstverständnis & Konventionen an.

    Letztlich geht es tatsächlich auch genau um die titelgebende Variable Yannick – ein Mensch, ein Zuschauer, der seiner Welt kurz entfliehen möchte und im Theater nach Zuflucht und Unterhaltung sucht. Er kritisiert das Theaterstück, die Schauspieler*innen, aber vor allen Dingen die herablassende, pseudointellektuelle Attitüde dieser. Dabei hat Yannick sehr wohl auch berechtigte Punkte und gute Argumente, die für ihn sprechen. Er sei aber ja nur ein Nachtwächter, der sich extra für dieses Stück Entertainment frei genommen hat, ein „Loser“, der sich hier so derart aufspielt.
    Blöd, dass man dem Loser erst zuhört, wenn er zur „Gefahr“ für andere wird, für die doch eher privilegiertere Mehrheit.

    Genau hier liegt meiner Meinung nach die Kernaussage des Films – unserer Gesellschaft fehlt es an Dialog und der Fähigkeit anderen Menschen wirklich zuzuhören, uns für diese zu interessieren.

    Es darf uns nicht erst interessieren, wenn es uns direkt betrifft. Interesse am Gegenüber hat dabei auch viel mit Menschlichkeit und Empathie zu tun, die in unserer schnelllebigen Leistungsgesellschaft oft auf der Strecke bleiben, uns aber ja sogar auch immer persönlich bereichern können, da der Mensch ohne soziale Bindungen nun mal auch nicht (über-)leben kann. Anstatt unserem Gegenüber wirklich zuzuhören und verstehen zu wollen, warum diese Person dieser Meinung ist und dementsprechend handelt, verpassen wir die Chance etwas dazu zu lernen und eine gute Lösung zu finden, entscheiden uns dann doch lieber für die gewaltvolle/gewaltbereite Eskalation.

    Unterschätze eben nie deine Mitmenschen, dein Gegenüber! Behandele Menschen nie von oben herab. Denn es wird immer jemanden geben, der es besser weiß als du und etwas besser kann als du. Und ist es nur eine unterhaltsamere Geschichte zu erzählen…

    Bewertung: 9/10 ♥️

    Abenteuer Animation Berlinale Berlinale 2025 Biopic Deutsches Kino Doku Drama Fantasy Festivalberichterstattung Filme Filmfestival Filmfest München FILMZ Horror Kino Komödie Krimi Kurzfilm Liebe Miniserie Musik Mystery Neo-Noir Psychothriller Romanze Satire Sci-Fi Serie Streaming Thriller Wahre Begebenheiten

  • „Das fantastische Leben des Ibelin“ (2024) – Filmkritik: Eine berührende Doku über Gaming, Gemeinschaft und digitale Unsterblichkeit

    „Das fantastische Leben des Ibelin“ (2024) – Filmkritik: Eine berührende Doku über Gaming, Gemeinschaft und digitale Unsterblichkeit

    Bild: (c) Netflix

    Benjamin Rees Dokumentarfilm erzählt die inspirierende Geschichte von Mats, dessen virtuelles Leben in „World of Warcraft“ zu einer tief bewegenden Hommage an Freundschaft, Inklusion und die Kraft digitaler Welten wird.

    Im Alter von 25 Jahren starb der Norweger Mats Steen an den Folgen der degenerativen Muskelerkrankung Duchenne. Seine Eltern betrauerten zunächst nicht nur den schmerzlichen Verlust ihres geliebten Sohnes, sondern auch das von ihnen angenommene, einsame Leben ihres Mats‘, was ihm durch seine Erkrankung die aktive Teilnahme am sozialen Leben erschwerte. So verbrachte Mats viel seiner Lebenszeit in „World of Warcraft“ (WoW). Als seine Eltern die traurige Nachricht über seinen Tod auf seinem Blog verkünden, überrollte sie eine Welle an Mitgefühl und warmen Worten von Spieler*innen aus aller Welt – engen Freund*innen ihres Sohnes, der seine Figur in WoW „Ibelin Redmoore“ nannte.

    „Dreams are nice that way. You can always visit again.“ ❤️‍🩹

    „Das fantastische Leben des Ibelin“ (2024) ist ein Dokumentarfilm des norwegischen Regisseurs Benjamin Ree. Er erzählt die berührende Geschichte eines Jungen, der aufgrund seiner Erkrankung und der damit einhergehenden Einschränkungen sich immer weiter aus dem aktiven Sozialleben zurückzog und sich in eine andere Welt flüchtete. 

    Doch für Mats war diese andere Welt in „World of Warcraft“ weniger Flucht als eine Welt der „unendlichen“ Möglichkeiten – Möglichkeiten des persönlichen Wirkens. So lernen wir Mats durch Heimvideos, Fotos und Interviews mit seiner Familie und Freund*innen, seinen persönlichen Blogeinträgen und eben seinem rekonstruierten virtuellen Leben in WoW näher kennen. 

    Hier sehen wir ein positives Beispiel der Chancen einer grenzenlosen virtuellen Realität, einer Gemeinschaft an Gamer*innen, die durch gemeinsame Abenteuer zusammengeschweißt werden, sich gegenseitig Halt geben und füreinander da sind. 

    Dabei behandelt der Film unterschiedlichste Themen wie die Frage nach dem Sinn des Lebens, der Bedeutung, die man dem beimisst, persönliche Verwirklichung, soziale Teilhabe, Inklusion, Liebe, Freundschaft, Familie, Gemeinschaftsgefühl, Anonymität und die Dynamik zwischen Nähe und Distanz im virtuellen Kontext. 

    Die Doku ist durch ihre einzigartige Geschichte, die sie auf besonders immersive, persönliche Art und Weise erzählen kann, faszinierend, herzerwärmend, traurig und hoffnungsvoll zugleich. Sie lehrt uns, vielleicht auch öfter unseren Mitmenschen und Liebsten zu sagen, dass wir sie schätzen für das, was sie uns bedeuten. Schließlich weiß man nie, wie schnell das Leben doch zu Ende gehen kann.

    Bewertung: 9/10 ♥️

    Abenteuer Animation Berlinale Berlinale 2025 Biopic Deutsches Kino Doku Drama Fantasy Festivalberichterstattung Filme Filmfestival Filmfest München FILMZ Horror Kino Komödie Krimi Kurzfilm Liebe Miniserie Musik Mystery Neo-Noir Psychothriller Romanze Satire Sci-Fi Serie Streaming Thriller Wahre Begebenheiten

  • „Aus meiner Haut“ (2022) – Filmkritik: Ein intelligenter Sci-Fi-Liebesfilm über Identität, Körper und Selbstwahrnehmung

    „Aus meiner Haut“ (2022) – Filmkritik: Ein intelligenter Sci-Fi-Liebesfilm über Identität, Körper und Selbstwahrnehmung

    Bild:(c) X Verleih

    Wie viel trennt Körper und Geist? „Aus meiner Haut“ wirft große Fragen über Identität, Liebe und Selbstakzeptanz auf – in einer faszinierenden Mischung aus magischem Realismus und emotionaler Tiefe.

    „Aus meiner Haut“ ist kein komplizierter, verschachtelter Mysteryfilm, wenngleich er sich Elementen des magischen Realismus bedient, welche das komplexe Beziehungskonstrukt unserer beiden Hauptprotagonisten, Tristan (Jonas Dassler) und Leyla (Mala Emde), zum Wanken bringen.
    Dabei geht es hier eigentlich gar nicht unbedingt primär um die Beziehung zwischen Tristan und Leyla, sondern letztlich viel mehr um die Beziehung zu sich selbst und seinem Körper, allen voran der Frage, ob Körper und Geist getrennt oder als Einheit betrachtet werden sollten.

    Kann ein kranker, gebeutelter Körper auch den Geist krank machen oder ist es gar andersherum? Eine Frage mit der sich z. B. auch die Psychosomatik bereits in der Medizin immer häufiger auseinandersetzt, schließlich macht die mentale Gesundheit einiges an der ganzheitlichen körperlichen Gesundheit eines Menschen aus.

    Zwar erfahren wir im Verlauf des Films nur wenig über die Vergangenheit von Leyla und Tristan, dem vorliegenden Trauma und den Gründen der Depression Leylas, was für mich aber gerade die Stärke dieses Films ausmacht.

    Denn wie oft beantwortet man die Frage „Wie geht’s dir?“ eigentlich wahrheitsgemäß? Mal antwortet man aus Höflichkeit unehrlich, mal aus Schamgefühl, weil man den anderen nicht damit belasten will oder aus Selbstschutz, um sich nicht weiter damit auseinandersetzen zu müssen.
    Wie oft nehmen wir uns denn wirklich mal die Zeit, in uns hineinzuhorchen und zu ergründen wie es uns ergeht?

    Und wie soll eine außenstehende Person verstehen können, was man selbst gerade fühlt, wie man sich gerade fühlt, wenn diese so etwas noch nicht erlebt hat – eben nicht in deinem Körper steckt. Das muss sich auch Leyla gedacht haben, nachdem Tristan sie fragt „Geht es dir denn wirklich so schlecht?“

    Leyla fühlt sich anfangs gefangen im eigenen Körper, sieht das Experiment als eine Art Chance auf „Heilung“ und fühlt sich in anderen Körpern befreiter und lebendiger denn je. Im Verlauf des Films erlernt sie quasi nach und nach wieder zu leben ohne ihren schweren „Altlasten“ auf den Schultern ihres gebeutelten Körpers.

    Leylas psychischer wie körperlicher Zustand stellt ihre Beziehung zu Tristan auf die Probe. Kann man eine andere Person lieben, wenn man sich selbst nicht liebt? Verliebt man sich wirklich in den Menschen, die Persönlichkeit eines diesen oder doch viel mehr in die eigene Vorstellung dessen? Oder ist es doch das Oberflächliche eines Menschen, welches wir als Projektionsfläche nutzen?

    „Aus meiner Haut“ ist ein Film der viele Themen anreißt, einige Fässer aufmacht und in verschiedenste Gewässer mit seinen Fußspitzen eintaucht, um in erster Linie zum Nachdenken anzuregen. Dabei muss er nicht alles aussprechen, weiter konkretisieren oder ausmalen, darin liegt viel mehr die Stärke wie auch Freiheit des filmischen Gedankenexperiments.

    Hier wird nicht geurteilt oder vermessen etwas behauptet, nicht stigmatisiert oder bewertet – es liegt alles im Auge des Betrachters, der Perspektive, die man einzunehmen vermag.

    Der Film von Alex Schaad bietet viel Hirnfutter als Buffet an, wie sehr man sich daran bedient, hängt davon ab wie viel Hunger man mitbringt und wie schnell man von den Häppchen gesättigt ist.

    Wer Lust auf ein philosophisches Gedankenexperiment mit Körpertauschelementen aus „Altered Carbon“ und der mysteriösen Kommunenatmosphäre aus „Midsommar“ (ohne Horror!) hat, wird hier definitiv fündig.

    Fazit:Aus meiner Haut“ ist ein intelligenter SciFi-Liebesfilm aus Deutschland, der mit einfachen, aber cleveren, authentischen Dialogen und Wendungen äußerst erfrischend und geistig anregend auf mich wirkte. Klare Empfehlung, wer sich nach etwas zum Nachdenken sehnt!

    Bewertung: 8/10 ♥️

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  • „Perfect Days“ (2023) – Filmkritik: Wim Wenders‘ poetische Ode an die Schönheit des Alltags

    „Perfect Days“ (2023) – Filmkritik: Wim Wenders‘ poetische Ode an die Schönheit des Alltags

    Bild: © DCM / Master Mind Ltd, The Match Factory

    Ein Film über Routinen, Menschlichkeit und die Kunst, Glück in den kleinen Momenten zu finden.

    Hirayama (Koji Yakusho) wirkt sehr zufrieden mit seinem einfachen Leben als Toilettenreiniger in Tokio. Abseits seines strukturierten Alltags geht er seiner Leidenschaft für Musik und Büchern nach, hört Kassetten und liest Lektüre aus Second-Hand-Läden. Außerdem liebt er Bäume und fotografiert diese auch gerne. Eine Reihe unerwarteter Begegnungen geben nach und nach mehr über seine Vergangenheit preis und warum die Einfachheit seines täglichen Lebens ihm das ersehnte Glück zu geben scheint.

    Wim Wenders gelingt mit Perfect Days ein intimes, wie universales Porträt der Menschlichkeit und des Lebensgefühls in Tokio in Form einer Narrative rund um den Protagonisten Hirayama. Schauspieler Kōji Yakusho gewann zurecht in Cannes den Preis als bester Hauptdarsteller, transportiert er in seiner noch so kleinen Mimik & Gestik so viel mehr als nur ein Gefühl.

    „That’s Hirayama, my senior at work. Great worker, but not a great speaker. I don’t even know his voice.“ 

    Hirayama sagt nicht viel, redet wenig mit seinen Mitmenschen, ob Kollegen oder Bekannten. Und trotzdem ist er ein wahrer Philanthrop, geht achtsam und rücksichtsvoll mit seinen Mitmenschen um, erfreut sich daran, wenn andere Menschen glücklich sind, freut sich für sie und mit ihnen. Hirayama ist aber nicht nur Menschenfreund, sondern auch ein Pflanzenfreund. Er kümmert sich aufopferungsvoll um seine Pflanzensetzlinge zuhause, fotografiert gerne ganz bestimmte Bäume.


    Dass Hirayama Toiletten putzt, spielt einerseits keine Rolle, und zwar für ihn selbst, andererseits eine große Rolle, und zwar für andere, die ihn aufgrund dessen weniger beachten oder gar bemitleiden. Er scheint den Job allerdings gerne zu machen, nimmt diesen sehr ernst und ist dabei akkurat bis pedantisch. Und das zurecht! Ob Müllabfuhr, Straßen- oder Toilettenreiniger – ohne diese Menschen würden unsere Zivilisationen vor die Hunde gehen, was man jedoch immer erst merkt, wenn es mal nicht funktioniert. Speziell (öffentliche) Toiletten haben in Japan nochmal einen ganz anderen Stellenwert als hier. Auch darüber sollte wir reden, kamen nicht nur griechischen Philosophen ihre besten Ideen auf Toilette. Woran das liegt? Weil wir diese Prozesse, ob nun das Duschen oder den Toilettengang, derart verinnerlicht haben, dass wir darüber kaum mehr nachdenken müssen, dafür unsere Gedanken frei schweifen lassen können, abschalten können. Sollten wir solche Orte dann nicht eigentlich auch mehr wertschätzen für die tägliche Auszeit, die sie uns gewähren?

    „Next time is next time. And now is now.“ – Hirayama

    Der Film erforscht die Schönheit der kleinen Dinge, wirkt dabei fast wie eine poetische Meditation, da die Rituale und Routinen unseres Protagonisten auch immer etwas entspannendes, etwas friedliches an sich haben, was wir, wie der Protagonist auch, langsam verinnerlichen. 

    Sei es nun das Geräusch von zwitschernden Vögeln oder die fegende Nachbarin, das Falten der Decke am Morgen, das Zähne putzen, die ersten Lichtstrahlen der Sonne oder der morgendliche Kaffee. Zwar könnte man von einer gewissen Monotonie sprechen, doch haben all diese Dinge doch auch etwas beruhigendes gemeinsam, vermitteln einem etwas Sicherheit in ihrer vorgeblichen Redundanz

    Es ist die Einstellung Hirayamas zum Tag, zum Leben selbst. Mit einer inneren Ruhe und Begeisterungsfähigkeit an den vermeintlichen Banalitäten des Alltags begeht er Tag für Tag und nimmt dabei immer seine Umgebung und seine Mitmenschen wahr. Ihn kümmert es, was um ihn herum passiert. Irgendwie kennt man ja dann doch ein bisschen die Menschen, denen man täglich auf dem Weg zur Arbeit oder auf der Arbeit begegnet, ohne sie wirklich zu kennen.

    „The world is made up of many worlds. Some are connected and some are not. My world and your mum’s world are very different.“ – Hirayama

    Als seine Nichte plötzlich bei ihm auftaucht, beleuchtet der Film noch eine weitere Seite der Figur. Hirayama scheint auch ein Sammler von Erinnerungen in Form von Büchern, Musikkassetten und Fotografien zu sein. Durch die Neugier seiner Nichte teilt er diese auch mit ihr, womit sich eine neue Dimension für beide eröffnet, geht es dann schließlich auch um Familie, verschiedene Generationen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser.

    Wie passend, dass der Film gegen Ende auch den Punkt macht, dass wenn Menschen zu viel arbeiten, sie nichts mehr vom Leben haben, weil sie keine Zeit für sich haben, zu erschöpft sind und letztlich Lebenslust und Zufriedenheit verlieren.

    „Perfect Days“ ist ein herzerwärmendes Drama, welches einen glücklich zurücklässt, jedoch auch zum Nachdenken anregt, was für uns individuell Zufriedenheit eigentlich ausmacht.

    Bewertung: 9/10 ♥️

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  • „Baby Reindeer“ (2024) – Serienkritik: Eine erschütternde Miniserie über Stalking, Trauma und männliche Verletzlichkeit

    „Baby Reindeer“ (2024) – Serienkritik: Eine erschütternde Miniserie über Stalking, Trauma und männliche Verletzlichkeit

    Bild: © Netflix

    Richard Gadds autobiografisches Drama zeigt die düstere Realität von Obsession und Missbrauch – schonungslos und eindringlich erzählt.

    „Baby Reindeer ist eine jener Miniserien, die nachhaltig im Gedächtnis bleiben – nicht wegen ihrer Schockmomente, sondern aufgrund der entblößenden Offenheit, mit der sie erzählt ist. Richard Gadd verarbeitet hier nicht einfach eine einschneidende Erfahrung, sondern legt ein autobiografisches Mosaik aus Schmerz, Scham, Ohnmacht und (Über-)Lebenswillen frei.

    Im Zentrum steht Donny Dunn (gespielt von Gadd selbst), ein Comedian, der seinen Lebensunterhalt als Barkeeper bestreitet. Was als freundliche Geste gegenüber einer Stammkundin beginnt, nimmt eine bedrohliche Wendung, als Martha Scott (Jessica Gunning) Donny mit Nachrichten, Geschenken und ständiger Präsenz überrollt. Aus einem vermeintlich harmlosen Kontakt entsteht etwas, das sich kaum noch in Worte fassen lässt – eine Form des Stalkings, die Donny nicht nur an seine Grenzen, sondern an verdrängte Erinnerungen heranführt.

    „Why’d it take you so long to report it?“ – Police officer

    Die Serie stützt sich auf Gadds gleichnamige One-Man-Show, verarbeitet aber vor der Kamera deutlich rohere, unmittelbare Ebenen seines persönlichen Erlebens von physischer und psychischer Gewalt. Sie behandelt damit ein wichtiges Thema, das oft aufgrund von toxischen Rollenbildern und mangelnder Aufklärung in unserer Gesellschaft tot geschwiegen wird – sexuelle Übergriffe und Missbrauch an Männern. Das Gezeigte ist aufgrund der Thematik dementsprechend nur schwer zu ertragen, aber die emotionale Komplexität der Serie macht diesen notwendigen Blick wirklich mehr als lohnenswert, auch wenn es schmerzt.

    „I couldn’t keep up with it all, everything that was happening. It was like my life began three decades in, and all I needed to do to achieve it was to be honest with myself. It’s funny how things work out.“ – Donny

    Gadds Spiel wirkt fast dokumentarisch in seiner schonungslosen Aufrichtigkeit. Gerade weil er sich selbst spielt, entsteht eine ungewohnte Nähe: keine Distanzierung, kein Schutzkorsett, keine Ausflucht in Fiktion. Ob Gadd hier die nötige Distanz fehlt? Das kann ich nicht beurteilen. Kann etwas überhaupt zu ehrlich sein? Ich denke nicht. Denn diese reale Unmittelbarkeit der Figur Donnys öffnet dem Publikum auch behutsam die Tür, in die eigene Verletzlichkeit hineinzufühlen. Jessica Gunning ist als Martha gleichermaßen monströs wie tragisch; eine Figur, die Grenzen verwischt, aber selbst ein Produkt unerkannt gebliebener Wunden ist.

    „Baby Reindeer“ ist schwer auszuhalten, aber genau darin liegt seine Bedeutung. Es zeigt, wie komplex Traumata sind, wie tief Scham wirken kann und wie viel Mut es erfordert, die eigenen Erfahrungen auszusprechen – öffentlich, aber vor allem in erster Linie vor sich selbst.

    TW: Stalking, Drogenmissbrauch, sexueller Missbrauch, psychische & physische Gewalt

    Bewertung: 9/10

    Abenteuer Animation Berlinale Berlinale 2025 Biopic Deutsches Kino Doku Drama Fantasy Festivalberichterstattung Filme Filmfestival Filmfest München FILMZ Horror Kino Komödie Krimi Kurzfilm Liebe Miniserie Musik Mystery Neo-Noir Psychothriller Romanze Satire Sci-Fi Serie Streaming Thriller Wahre Begebenheiten