Davy Chous bewegendes Drama erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die in Südkorea ihre leiblichen Eltern sucht – und sich dabei inmitten von Sprachbarrieren, Projektionen und kulturellen Spannungen selbst zu verlieren droht.
Freddie (Ji-Min Park) wurde als Kleinkind nach ihrer Geburt von einem französischen Paar adoptiert. Mit 25 Jahren reist sie nun zum ersten Mal nach Südkorea, in ihr Geburtsland, nachdem ihr eigentlicher Flug nach Tokyo gestrichen wurde. In Seoul begibt sie sich auf die Suche nach ihren biologischen Eltern, mithilfe der damaligen Adoptionsagentur.
Auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern begibt sich Protagonistin Freddie gleichzeitig auf die Suche nach ihrer Identität und findet sich verloren zwischen verschiedenen Kulturen und Projektionen wieder – buchstäblich „lost in translation“.
Freddie wird von den Projektionen und Emotionen, die sie in ihren Mitmenschen auslöst, förmlich überrollt. Sprachliche Barrieren erschweren weiter Kommunikation und Verständnis, zeigen Grenzen auf, die sie erst nicht so recht zu überwinden versucht.
Kommen Trauer, Schmerz oder Beklommenheit auf, lässt sie diese Emotionen nicht zu. Sie nimmt sich auf ihre Weise aus der Situation raus, um dieser zu entfliehen, sie zu verdrängen so gut wie möglich. Alkohol dient für Vater und Tochter zur Betäubung der Gefühle. Musik und Tanz dienen der Protagonistin als Ausflucht und Ventil, welche in den neongetränkten Bildern Seouls, wie eine Universalsprache zu uns sprechen, uns einen Einblick in ihre Gefühlswelt gewähren.
Letztlich schafft es „Return to Seoul“ in einer Art Coming-of-Age-Odyssee, das Gefühl des Verlorenseins der Mittzwanziger-Protagonistin greifbarer zu machen, was mich teils zu Tränen gerührt hat, weil ich mich in einigen Punkten wiederfinden konnte.
Eine tiefgehende historische Liebesgeschichte von den 60ern bis zur AIDS-Krise – emotional, brillant gespielt und erschreckend aktuell.
„Fellow Travelers“ ist eine Miniserie, die sich nicht damit begnügt, eine historische Romanze zu erzählen. Vielmehr legt sie offen, wie tief politischer Druck, religiöse Moralvorstellungen und staatliche Macht in das Privatleben zweier Männer hineinwirken – und wie viel Mut es braucht, unter solchen Bedingungen überhaupt lieben zu wollen.
Die achtteilige Miniserie beginnt im Washington D.C. der 1950er-Jahre, inmitten der McCarthy-Ära, die sich nicht nur gegen vermeintliche Kommunist*innen richtete, sondern im Zuge des sogenannten „Lavender Scare“ gezielt gegen homosexuelle Menschen. Ausgerechnet in diesem Klima begegnen sich Hawkins Fuller (Matt Bomer), ein kontrollierter Kriegsveteran und charismatischer Regierungsmitarbeiter, und der religiöse, zutiefst idealistische Arbeitskollege Tim Laughlin (Jonathan Bailey). Was als Zurückhaltung beginnt, wird Schritt für Schritt zu einer Verbindung, die für beide existenziell wird – und gefährlich.
„It’s not who we sleep with, it’s who we love.“ – Tim (Ep.3)
Serienschöpfer Ron Nyswaner, der schon mit dem Drehbuch zu „Philadelphia“ (1993) ein zentrales Werk über Homophobie und AIDS prägte, verwebt hier persönliche und politische Geschichte zu einem eindringlichen Zeitporträt. Die Miniserie spannt ihren Bogen über mehrere Jahrzehnte, von den Protestbewegungen der 60er bis zur AIDS-Krise der 80er – und erzählt damit nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern die Chronik einer queeren amerikanischen Erfahrung.
Was „Fellow Travelers“ so stark macht, ist seine Fähigkeit, historische Atmosphäre nicht nur nachzustellen, sondern fühlbar zu machen. In vielen Momenten erinnert die Serie an die Präzision von „Mad Men“ (2007): die Blicke, die Kleidung, die gesellschaftliche Engstirnigkeit und die subtile Systemgewalt, die in jedem Raum mitschwingt. Die Mechanismen von Macht – und wer sie nutzen darf – sind das unsichtbare Netz, in dem sich Hawk und Tim verfangen.
Neben der politischen Dimension trägt vor allem das Schauspiel die Miniserie. Matt Bomer spielt Hawk mit einer Mischung aus Charisma, emotionaler Disziplin und tief vergrabener Verletzlichkeit; Jonathan Bailey verleiht Tim eine glühende Aufrichtigkeit, die im Laufe der Serie immer wieder gebrochen und neu zusammengesetzt wird. Die Chemie zwischen den beiden ist nicht nur glaubwürdig, sondern zentral – sie hält die Serie auch in ihren schmerzvollsten Momenten zusammen.
Was bleibt, ist das große Thema der Serie: der Preis des Schweigens. Die Angst, entdeckt zu werden. Die Angst, die eigene Integrität zu verlieren. Die Angst, jemanden zu lieben, den man nicht offen lieben darf. Und gleichzeitig das Beharren auf genau dieser Liebe, selbst wenn die Welt sie bestrafen will. Diese beklemmende erdrückende Dynamik wird durch das intelligente Drehbuch anhand der Ausarbeitung der verschiedenen interessanten Charaktere deutlich und durch ein durchweg überzeugendes Schauspiel des Gesamtcasts getragen.
Dramaturgisch clever aufgebaut, kulminiert die Miniserie in ein sehr überzeugendes Finale, das vor allem zutiefst menschlich ist – eines der rundesten Serienfinales, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.
„Fellow Travelers“ ist damit weit mehr als eine historische Miniserie. Es ist ein Stück queere Zeitgeschichte, verpackt als erschütternde Liebesgeschichte – brillant gespielt, präzise inszeniert und leider erschreckend aktuell.
„We are not dying from AIDS, we are dying from indifference.“ – Jerome (Ep.8)
Mit seinem Langfilmdebüt „Magpie“ (2024) gelingt dem britischen Regisseur Sam Yates ein psychologisches Beziehungsdrama, das geschickt zwischen Neo-Noir- und Thriller-Elementen vor allem mit Erwartungen spielt – mit den Erwartungen der Zuschauer*innen und den der Figuren selbst.
Aber woher kommen eigentlich Erwartungen? Diese müssen nämlich gar nicht an Sehgewohnheiten geknüpft sein. Aber bei „Gewohntem“ sind wir trotzdem auf der richtigen Spur.
Erwartungen im Film – Ein psychologischer Blick auf „Magpie“
Erwartungen sind stark mit Gewohnheiten verknüpft. Sie entstehen im Gehirn durch Erfahrungen, die wir machen. Sei es nun beispielsweise, dass wir als kleines Kind die Herdplatte anmachten, diese heiß wurde und wir uns daran verbrannten. Als Kind mussten wir das vielleicht gar öfter ausprobieren, um das Muster zu erkennen, dass es nicht nur das eine mal so passiert, sondern quasi immer. So speichert unser Gehirn Erfahrungen ab, erkennt wiederkehrende Muster und reagiert mit neuronalen Vorhersagemodellen darauf. An diesem Beispiel wäre die Vorhersage, dass wir davon ausgehen, dass die Herdplatte heiß wird, wenn wir sie anmachen. Wenn eine Erwartung erfüllt wird, wird Dopamin ausgeschüttet, wir werden also belohnt. So entstehen auch Gewohnheiten, da diese unser Gehirn durch einfache Muster entlasten, wir nicht länger über etwas nachdenken müssen als nötig. Denn nicht umsonst sagt man über uns Menschen auch, dass wir Gewohnheitstiere sind. Gewohnheiten sollen schließlich unser Leben vereinfachen.
Vorurteile paradoxerweise aber auch. Denn „Schubladendenken“ soll auch persé unser Leben erst einmal erleichtern. Ein Vorurteil entsteht auch basierend auf Erfahrungen und Mustern, die wiederum auch kulturell und sozial beeinflusst werden. So ist ein Vorurteil zunächst eine Vorhersage, die wir über eine Person oder Situation treffen, basierend darauf. Verfestigen sich diese Vorhersagen, werden Vorurteile gar zur Erwartung. So lässt sich kurz festhalten – wir denken alle in Schubladen, weil unser Gehirn uns das Leben erleichtern möchte, wir müssen uns nur immer dessen bewusst sein durch bewusste Reflexion.
Das Bild einer glücklichen Beziehung?
Der Film eröffnet direkt mit einem Bild im Bild, zeigt es Mutter Anette (Daisy Ridley) wie sie Tochter Matilda (Hiba Ahmed) beim Vorsprechen für eine Filmrolle aufnimmt – eine Metaebene, die später nochmal eine größere Rolle spielt. Wir sehen Vater Ben (Shazad Latif) wie er liebevoll mit seiner Tochter umgeht, unterkühlter mit seiner Frau. Als Anette ihren Mann später um Rat fragt, was sie zum Meeting am nächsten Tag anziehen solle, reagiert dieser komplett desinteressiert. Er hat nur Augen für ein geleaktes Sextape der Schauspielerin Alicia (Matilda Lutz), die Matildas Filmmutter spielen soll. Anette tut Alicia leid und nimmt diese in Schutz, wogegen sich Ben eher despektierlich über sie äußert. Als am nächsten Morgen Ben seine volle Aufmerksamkeit seinem Handy widmet, welches er partout nicht finden kann, anstatt sich um das schreiende Neugeborene Luca zu kümmern, hat sich bereits ein Bild für die Zuschauer*in abgezeichnet. Dass Ben dann noch dazu im Alleingang ohne Absprache die Babysitterin gefeuert hat, dass wichtige Meeting seiner Frau nicht im Kopf hatte und vor den Konsequenzen buchstäblich wegläuft, verfestigt unser Bild von Ben. Er wirkt respektlos, unaufmerksam, stur, ausweichend und egozentrisch. Anette dagegen wenigstens noch bemüht, aber auch frustriert, erträgt jedoch sein respektloses Verhalten öfter als dass sie etwas sagt. So haben wir in den ersten fünf Minuten bereits einen ersten Eindruck der Figuren, ihrer Beziehungen und Dynamik zueinander bekommen. Einen ersten Eindruck, der unsere Erwartungen an die Figuren und die Handlung befüttert.
Vom Sehen und Gesehen werden, ein Exkurs
Der Film zeigt gut das grundlegende Bedürfnis des Menschen auf – nach Bindung. Wir Menschen wollen gesehen und gehört werden, respektiert und wertgeschätzt werden, akzeptiert und geliebt werden, für das was uns ausmacht, für die Person, die wir sind mit Ecken und Kanten. Deshalb kleiden wir uns, präsentieren uns, drücken uns auf diverse Weise aus und kommunizieren so miteinander.
Damit meine ich keine Bewerbungsgespräche, Lebensläufe oder Dating-Profile. Tagtäglich tragen wir unser „Ich“ nach außen in die Welt, ob auf der Arbeit, in der Schule, beim Sport oder beim Einkaufen. Wir kommunizieren nicht nur über Mimik, Gestik und Sprache sondern auch non-verbal und unterbewusst über beispielsweise Pheromone und Hormone in Form von Körpergeruch oder unkontrollierbaren Gefühlsregungen wie z.B. Anziehung, Angst oder Ekel. Durch Erfahrung und Intuition sind uns manche Menschen sympathischer als andere. Wir fühlen uns förmlich angezogen zu ihnen oder gar abgestoßen ohne dass wir es bewusst begründen können.
So kann es also auch vorkommen, dass man in seiner eigenen Fantasie leben kann (tatsächlich kann das Gehirn zwischen Träumen und realen Erinnerungen nicht unterscheiden!) ohne es wirklich zu bemerken – dass man irgendwann im schlimmsten Fall die eigene (Lebens-)Lüge glaubt. Ist man unzufrieden mit sich, seinem Leben oder der Gesamtsituation oder sucht nach Ablenkung oder Unterhaltung als Ausbruch aus der Monotomie des Alltags, freut man sich öfter über jegliche Art von Realitätsflucht.
Figurenzeichnung Ben
So auch unsere Hauptfigur Ben, den die Welt am Filmset seiner Tochter Matilda fasziniert und vom Charisma der empathisch wirkenden Schauspielerin Alicia förmlich angezogen und verzaubert wird. Es bietet ihm eine Fantasie, der er sich völlig hingeben kann, in der er Alicia auf ein Podest heben kann, sie aus der Distanz anhimmeln kann und über Textnachrichten mit ihr eine Verbindung eingehen kann. Eine Verbindung, die sich so real für ihn anfühlt, dass er gar nicht bemerkt, dass der Reiz dieser Verbindung in seiner Fantasie liegt, in der er keine Angst vor Verantwortung, Verpflichtung oder direkten Konsequenzen haben muss.
Es ist für uns nachvollziehbar, warum er sich in diese Fantasie mit Alicia flüchtet, fühlt er sich nicht mehr so geliebt und gesehen von seiner Frau, wie er sich das wünscht. Noch dazu läuft es bei ihm beruflich nicht so gut, sein letzter erfolgreicher Roman lässt auf sich warten und noch dazu macht sich seine eigene Frau über sein Unvermögen als Autor lustig, stellt sein Schreibtalent und seine Werke in kleinen Sticheleien in Frage. Dass Alicia ihm dagegen beim ersten Treffen sogar noch erzählt, dass sie eines seiner Bücher gelesen hat, ist eine Bauchpinselei, die Ben offenbar dringend nötig hat, zu groß und fragil ist sein Ego, um nicht darauf anzuspringen. Was von Alicia vielleicht nur als aufmerksames Kompliment gedacht war, wirkte vermutlich für Ben wie ein übergroßer Ego-Schmeichler, ein Ritterschlag.
Figurenzeichnung Anette
Bild:(c) 55 Films
Für Anette wirken die ganzen verliebten Textnachrichten ihres Mannes dagegen eher wie ein Schlag ins Gesicht. Doch ist es sie, die diese überhaupt erst möglich macht, die durch ihre Manipulation, ihr Eingreifen in eine reale Beziehung zwischen Ben und Alicia, genau diese unmöglich macht.
Über Anette ist uns weniger bekannt, außer dass sie ihren Job in einem Verlag aufgegeben hat, um sich um ihr Neugeborenes zu kümmern und ihren Mann beim Schreibprozess in einem Haus auf dem Land zu unterstützen. Eine Medikation aufgrund ihrer psychischen Gesundheit und ihr teils unterkühlteres Verhalten könnten auch z.B. auf eine Wochenbettdepression hindeuten. Hier bleibt der Film jedoch bewusst uneindeutig.
Viel mehr wird klar, welchen täglichen Herausforderungen sich Anette als Mutter zweier Kinder stellen muss, nimmt ihr Gatte seine Verantwortung weniger wahr und übergeht die Vereinbarungen mit seiner Frau, wenn es um die Kinder geht. Ob ihr Neugeborenes ihre Beziehung vielleicht gar retten sollte? In Gesprächen mit ihrem ehemaligen Chef und einer Bekannten kommt Ben jedenfalls nicht so gut weg, wird indirekt als erfolglos, egozentrisch, unloyal und untreu gezeichnet. Anettes Misstrauen gegenüber der Treue ihres Mannes, ihre Eifersucht und Sticheleien sind damit auch nachvollziehbarer für uns.
Doch ist auch sie keine grundsympathische Figur. Ihr eifersüchtiges, obsessives und manipulatives Verhalten treibt ihren Ehemann und auch ihre Tochter Matilda weiter von ihr weg. Ihre Intepretation von Alicia wie auch unsere Interpretation von Anette und Alicia, ist entscheidend für die Wahrnehmung des Films.
Eine feminine Perspektive = eine feministische Perspektive?
Der Film zeigt mit diesem Fokus seinen eher weiblichen Blick auf die Situation, was man nicht nur an der nuancierten Figurenzeichnung bemerkt, die sich nie in unnötigen Klischees verliert, sondern auch in der ungeschönten, realistischen Darstellung von Mutterschaft. Letzteres wird aktuell zunehmend zum Thema in Filmen gemacht, ob nun in „Roma“ (2018), „Tully“ (2018), „Paralle Mütter“ (2021), „Frau im Dunkeln“ (2022), „If I Had Legs I’d Kick You“ (2025) oder „Cicadas“ (2025).
Ist die Manipulation also „nur“ eine Retourkutsche einer übergangenen, unterdrückten Frau, die sich so Macht und Respekt erkämpfen will? Oder ist es doch eine gezielte Sabotage einer aufkeimenden Bindung ihres Mannes, die sie ihm nicht gönnt aus Eifersucht und Angst? Der Film gibt darauf keine eindeutige Antwort.
Toxische Beziehungsdynamiken, die an „Gone Girl“ und „Der seidene Faden“ erinnern
Diese Ambivalenz der beiden Hauptfiguren sorgt dafür, dass wir immer wieder unserer eigenen Sympathien aufs Neue hinterfragen. Sowohl Ben als auch Anette verhalten sich manipulativ, treffen moralisch fragwürdige Entscheidungen, instrumentalisieren Unbeteiligte und sich gegenseitig. Es ist ein Film über eine unglückliche Ehe mit einer ungesunden Beziehungsdynamik, in der zwei Menschen einander nicht guttun und längst nicht mehr ihr bestes „Ich“ sind. Der Film urteilt nicht, sondern lässt das Publikum selbst abwägen.
Darüberhinaus lassen sich einige Parallelen zu „Gone Girl“ (2014) und „Der seidene Faden“ (2017) ziehen – ob nun die subtile, aber durchdringende Manipulation oder die unterschwellige, emotionale Grausamkeit inmitten scheinbarer Liebe. Doch „Magpie“ fügt dem eine weitere Ebene hinzu: Er erzählt viel über Mutterschaft. Über die Rolle einer Frau in einem derartigen Beziehungskonstrukt, über die Frage, inwieweit eine Mutter ihr eigenes Glück für die Familie opfert – oder ob sie nicht selbst eine Rolle spielt, die sie bewusst aufrechterhält.
Auch wir nehmen Rollen auf verschiedenen (Meta-)Ebenen ein. Als aufmerksames Publikum des Films „Magpie“. Als Beobachter*in der Handlung des Historienfilms und ihren übertragbaren Figuren (Mutter-Tochter) in der Handlung des eigentlichen Films. Als reflektierter Mensch, der sich in verschiedenen Situation und/oder Figuren wiederfindet.
„Magpie“ kreist um den Drang nach Bestätigung, um die Macht von Wunschbildern und die fragile Konstruktion von zwischenmenschlichen Beziehungen – in der Liebe wie im Leben. Ein überraschend vielschichtiger Film, der uns vor Augen führt, wie leicht wir uns täuschen lassen – von anderen und uns selbst.
Christopher Nolans„Oppenheimer“ ist überwältigend und ambivalent zugleich – ein filmisches Ereignis über die Verantwortung der Wissenschaft, das uns auch nach dem Abspann nicht loslässt.
Durch und durch überladen & in sich zerrissen – Stärke & Schwäche zugleich.
Kann „Oppenheimer“ überwältigend und fesselnd wirken durch den gewählten Schnitt & die Erzählstruktur, die sinnbildlich für das Innenleben der Hauptfigur & der Atombombe gelesen werden können, kann der Film auch unentschlossen, unfokussiert, zerfasert, ambivalent und oberflächlich auf einen wirken.
Mich persönlich hat der Film mit purem Schauspielkino-Hochgenuss bekommen – einer bombastischen Ensembleleistung bis in die kleinsten Rollen mit fantastischem Dialog. Schnitt, Ton und Soundtrack wirkten gerade zur Thematik sehr immersiv auf mich und sorgten für eine innere Unruhe & ein Unwohlsein, was mich selbst zuhause noch nicht losgelassen hat, sodass ich mich noch stundenlang auf Wikipedia und YouTube zum Thema verloren habe.
„Oppenheimer“ hat mich gar zu Tränen gerührt, dass Menschen doch tatsächlich diese tödliche Errungenschaft derart zelebriert haben und wir Menschen seit dem immer in der Lage sein werden, die ganze Menschheit auf Knopfdruck auszulöschen.
Der Film verhandelt wie kaum ein anderer das Thema der Verantwortung der Menschen, der Wissenschaft & des Fortschritts gegenüber der eigenen Existenz & Endlichkeit des Seins auf dieser Erde.
Das Dilemma, was sich da nicht nur auf moralischer Ebene offenbart, wirft dabei immer neue Fragen auf, ob nun rund um die Bedeutung der Atombombe, der Besitz dieser, der Abwurf auf Japan damals oder in geopolitischer Hinsicht mit Weitsicht auf das Gleichgewicht des Schreckens, MAD vs NUTS… Es ist so abscheulich wie zugleich faszinierend, welche Tragweite diese Erfindung damals wie auch heute noch hat.
… Wenn mich ein Film derart bewegt und zum Nachdenken anregt weit nach Kinobesuch, dann hat er vieles verdammt richtig gemacht.
Fantastische Animation, emotionale Tiefe und ein Hauch von Kitsch: Warum „Suzume“ das Publikum verzaubert – aber nicht ohne Kritik bleibt.
Kyūshū, Japan: Die 17-jährige Suzume verlor im Kindesalter ihre geliebte Mutter. Eines Tages trifft sie auf einen jungen Mann namens Sōta, der „auf der Suche nach Türen“ ist. Aus Neugier & Furchtlosigkeit folgt sie ihm bis zu einer verlassenen Dorfruine. Dort findet sie eine freistehende Tür, von der sie, wie von unsichtbarer Hand, angezogen wird. Doch mit dem Öffnen der Tür scheint sie die Bevölkerung Japans zu gefährden. Um weitere Katastrophen zu verhindern, macht sich Suzume gemeinsam mit Sōta auf die Suche nach weiteren geöffneten Türen landesweit und begibt sich dabei auch auf ein ganz persönliches Abenteuer.
Vorweg sei gesagt, dass dies mein erster Film von Makoto Shinkaiwar, sodass ich über Ähnlichkeiten zu seinen anderen Werken wie „Your Name“(2016) oder „Weathering With You“ (2019) nichts sagen kann.
„We live side by side with death.“
„Suzume“ (2022) gleicht einem fantastischen Coming-of-Age-Abenteuerfilm, in dem die Protagonistin Suzume im Laufe ihres Roadtrips Trauma, Verlust und Herausforderungen zu bewältigen lernt, die ihr u. A. die Augen für zwischenmenschliche Beziehungen öffnen.
Dabei verzaubert der Film mit seinen atemberaubenden Bildern und seinem wunderschönen Score. Durch seinen kreativen Charme hat er mich erstaunlich oft zum Lachen, wie auch bitter zum Weinen gebracht, letzteres aus sehr persönlichen Gründen.
Alles in allem ist es dem Film so ein Leichtes sich in die Herzen des Publikums zu spielen.
Punktabzug gibt es für mich wegen der in meinen Augen eher stumpfen bis unnötigen Liebesgeschichte zwischen Sota und Suzume, die es für Suzumes Selbstfindung für meinen Geschmack so nicht gebraucht hätte, vor allem nicht so kitschig. Auch auf den ein oder anderen klischeehaften Dialog hätte ich verzichten können (oder liegt es an der Synchro / Subs?). Das es den ein oder anderen Plothole gibt, darüber kann ich gut und gerne hinwegsehen. Der Weg ist ja das Ziel und so.
Wie eine 18-Jährige das Konzert eines der meistverkauften Jazz-Soloplatten überhaupt möglich machte – und warum der Film ein Muss für Musikfans ist.
Benannt ist der Film vom israelischen Regisseur und Drehbuchautor Ido Fluk nach der wahren Geschichte hinter einer der am häufigsten verkauften Jazz-Soloplatten bis heute, dem „The Köln Concert“ vom Pianisten Keith Jarrett aus dem Jahr 1975.
Das Kuriose daran: Das Konzert stand kurz vor dem Scheitern. Wäre da nicht die entschlossene 18-jährige Vera Brandes gewesen, die das Konzert unbedingt auf die Bühne der Kölner Oper bringen wollte, während sie noch so nebenbei auf die Schule geht. Schon früh promotet und organisiert Vera erfolgreich Musikevents in Köln. Wie wahrscheinlich ist es, dass eine 18-Jährige mit einem einzigen Telefonanruf Musikgeschichte schreibt?
Es ist eine Geschichte, die sich lohnt, erzählt zu werden, weil sie so unwirklich wirkt als wertvolles Zeitdokument, aber auch eine Charakter- wie Milieustudie ist, die zu faszinieren weiß. Mala Emde spielt Vera mit einer beeindruckender Präsenz und zeigt, wie weit sie es mit schierer Willenskraft, Selbstvertrauen und einer Portion Glück letztlich schafft. Es geht um Freiheit, Emanzipation und Rebellion, wie auch um die Kunst der Improvisation.
Dabei zieht sich der Jazz durch jede Einstellung, ob in Set-Pieces, der Musikwahl, im Drehbuch, dem dramaturgischen Aufbau, im Tempo oder im Schnitt. Layer für Layer harmonisieren die verschiedenen Klangfarben miteinander, wie eingespielte Musiker*innen einer Band. Was entsteht, ist eine stimmige Gesamtkomposition, die auch durch das fantastische Schauspielensemble (John Magaro, Michael Chernus, Alexander Scheer, Ulrich Tukur) getragen wird.
„Köln 75“ bereitet nicht nur Jazzliebhaber*innen beim Zuschauen und Zuhören Spaß, sondern gewährt auch generell für Newbies einen guten Zugang zum Jazz, wie auch Regisseur Ido Fluk während seiner Arbeit am Film bei sich selbst bemerkte.
Fazit: „Köln 75“ ist ein Film, der nur so vor Dynamik, Charme und Lebensfreude strotzt, eine Tour de Force der etwas anderen Art, dessen Herzstück die berauschende Performance Mala Emdes in der Rolle der Vera Brandes darstellt.
Spannend, witzig und unterhaltsam erzählt, mitreißend gespielt und clever inszeniert, trifft „Köln 75“ genau die richtigen Töne.
Der Film ist wie ein Konzert, in das man spontan reingestolpert ist, sich von einer Freund*in hat überreden lassen und noch nicht genau weiß, wo die musikalische Reise hingeht.
Wenn man sich aber auf die Musik einlassen kann, ist die Leidenschaft der Künstler*innen richtig ansteckend.
Eine klare Empfehlung für jedes Publikum!
Gesehen im Rahmen der Berlinale 2025 in der Sektion Berlinale Special Gala.
Wolfgang Fischers „Styx“ überzeugt mit starker Bildsprache und intensiver Stille, hinterlässt aber auch einen faden Beigeschmack westlicher Perspektiven.
„Styx“ ist nüchtern, kompromisslos, aber auch privilegiert.
Viele Fragen tun sich im Laufe des Films auf, auf die weder die Figuren, noch der Film, noch das Publikum so recht eine Antwort suchen bzw. wissen.
Sicherlich sind die mythologischen Verweise spannend bis passend und auch die metaphorische Kontextualisierung zu Charles Darwins Insel Ascension wie Asa Gray wirkt erstmal stimmig. Für mich bleibt in diesem Zusammenhang allerdings eher ein fader Beigeschmack, da „Styx“, vor allem beim Drehbuch und den Dialogen, doch immer eine westliche, bildungsbürgerliche Perspektive auf die Geschehnisse im Film einnimmt und diese unangenehm durchdringt.
Hier funktioniert „Styx“ für mich in den wortlosen bis wortkargen Szenen wesentlich besser, ist in diesen insgesamt deutlich stärker.
Susanne Wolffs Schauspiel wirkt dem schwächelnden Drehbuch deutlich entgegen, doch ist mir die Rolle des Jungen viel zu einseitig geschrieben, wenngleich fantastisch durch Gedion Oduar Wekesa gespielt.
Fazit: Das reine Schauspiel, wie auch die Kamera- und Tonarbeit, sorgen letztlich trotzdem für einen bildgewaltigen Film, der einen wichtigen Beitrag zum Flüchtlingsthema leistet und die Fragen nach Menschlichkeit und Altruismus aufwirft, jedoch angenehm unbequem unbeantwortet lässt.
Cord Jeffersons Film beleuchtet die Absurdität von Authentizität in der Literaturbranche und hinterfragt Erwartungen sowie Vorurteile – bleibt dabei jedoch erzählerisch zwiegespalten.
Thelonious Ellison, genannt „Monk“, (Jeffrey Wright) arbeitet als Universitätsprofessor für englische Literatur. Neben der Hochschullehre schreibt Monk auch selbst Romane, gilt zwar als angesehener Schriftsteller, jedoch hält sein Verleger seine letzten Manuskripte für „nicht schwarz genug“ für die breite Leserschaft. Frustriert vom Erfolg des in seinen Augen klischeebehafteten Bestseller-Romandebüts der Afroamerikanerin Sintara Golden (Issa Rae), beginnt er selbst einen derart plakativen Roman unter einem Pseudonym zu schreiben. Dieser wird zu Freuden seines Verlegers direkt von einem angesehenen Verlag abgekauft und unmittelbar nach seiner Veröffentlichung schon zum Bestseller – zum Leidwesen Monks, der sich beschämt hinter dem Pseudonym versteckt und von Gewissensbissen geplagt wird.
Ich mag die Prämisse von „American Fiction“ sehr, mir gefällt die Idee, aber die Umsetzung hat mich leider nicht soo abgeholt.
Es wirkt für mich stellenweise so als ob der Film zwei Geschichten erzählt, die satirische Leidensgeschichte eines Schriftstellers und ein eigentlich vielschichtiges Familiendrama auf der anderen Seite. In beiden Geschichten kratzt man für meinen Geschmack mehr an der Oberfläche, wo doch beide Geschichten viel mehr bieten.
Die Charakterentwicklung Monks ist für mich nicht immer ganz nachvollziehbar, einige zwischenmenschlichen Entwicklungen kommen etwas aus dem Nichts, weil doch alle Charaktere außer Monk eher eindimensional bleiben. Das liegt nicht am Schauspiel, sondern viel mehr am Drehbuch.
Auch die Dialoge wirken manchmal etwas hölzern, fast unnatürlich. Zwar mögen die weiblichen Charaktere auf den ersten Blick alle erstmal stark geschrieben sein, jedoch wirken sie durch ihre Eindimensionalität streckenweise künstlich feministisch. Denn ein
„Geniuses are lonely, because they can’t connect with the rest of us.“ – Agnes Ellison
hab ich von Monks Mutter nun wirklich nicht gebraucht, als sie Monks Vater und ihren Sohn als Genies bezeichnet.
„Potential is what people see, when they think, what’s in front of them isn’t good enough.“ – Sintara Golden
„One Day you will maybe learn that not being able to relate to other people isn’t a badge of honor.“ – Coraline
Auch diese klugen Sätze wirken am Ende auf mich eher wieKalendersprüche, zwar klug, aber viel folgt darauf nicht.
Trotz alldem trifft der Film wie seine Romanvorlage „Erasure“ (2001) einen wichtigen Punkt in diesen Zeiten mit seiner Kritik am Establishment der Afroamerikanischen Literatur, unseren Erwartungen und Vorurteilen.
American Fiction ist für mich ein Film, der einen darüber nachdenken lässt, ob man „Authentizität“ in einer Film-/Literatur-/Kunstkritik generell überhaupt anführen sollte bzw. jemals wirklich konnte.