Das Kinojahr 2025 ist vorbei und für mich bleibt ein etwas ernüchterter Blick zurück. Ich habe mich in diesem Jahr eher auf ältere Filme (und meine Bachelorarbeit) konzentriert, weshalb ich weniger gesehen habe als gewöhnlich. Listenkandidaten wie „One Battle After Another“ oder „Sentimental Value“ blieben mir bisher verwehrt – Filme wie „Bugonia“ und „Ein einfacher Unfall“ haben mich leider enttäuscht.
Es verbleiben fünf Filme, die in für mich aktiveren Kinojahren teilweise auch auf einer Geheimtipp-Liste hätten landen können. Diese sollen nun hier gebührend Erwähnung finden! Achtung: Manche Filme haben ihren Kinostart erst 2026 oder suchen noch einen Verleih.
Unter den Filmen finden sich zwei weitere Top-Listen: Eine mit Lang- und eine mit Kurzfilmen, die ich 2025 entdeckt habe. Wirf auch dort gerne einen Blick hinein!
Ich blicke hinaus auf ein ereignisreicheres 2026 – für meinen Letterboxd-Account, aber auch für Cinescaped!
Mein Liebling aus diesem Jahr! Josh O’Conner spielt das, was er am besten spielt: Einen Drifter auf der Suche nach etwas – in diesem Fall etwas nicht Vorhandenem. Kelly Reichardt inszeniert hier einen Slow-Heist-Film, der seine eigenen Strukturen nach und nach auflöst.
Hochinteressante Found-Footage-Dokumentation von Radu Jude und Christian Ferencz-Flatz, bestehend aus Werbeclips aus dem postsozialistischen Rumänien. In acht Kategorien aufgeteilt, offenbart der Film in den Kapitalismus gesetzte Hoffnungen, die heute (und wohl auch damals) absurd wirken. André Pitz schrieb passend in seiner Review: „Es wird suggeriert: Der Mensch ist nur, wenn er konsumiert.“
Von Lana Daher kuratierte audiovisuelle Reise durch 70 Jahre libanesische Geschichte. Beim Q&A auf dem Filmfest Hamburg erzählte einer der Produzenten, dass Daher erst durch den Film erkannt habe, dass sie in einem Kriegsgebiet aufgewachsen ist. Die Spuren haben sich im Material verewigt.
Moralische Abgründe à la Radu Jude. Über eine Gerichtsvollzieherin (Eszter Tompa), die nach dem Selbstmord eines Obdachlosen, an dem sie eine Teilschuld trägt, verzweifelt versucht ihr Gewissen reinzuwaschen. Judes Satire wird begleitet von einem für ihn charakterisierenden Internet-Humor. Sidenote: In einer Bar hängt ein „Kuhle Wampe: oder Wem gehört die Welt?“-Poster! Über den Film habe ich im Sommer meine Bachelorarbeit geschrieben und zur Zensurgeschichte des Films erscheint demnächst ein Artikel.
Ein Film-in-Film: Regisseur Shô Miyake untersucht in zwei Episoden die Beziehungen von Fremden, die an unterschiedlichen Orten und Jahreszeiten aufeinandertreffen. Im Fokus stehen dabei nicht nur die Jahreszeiten Sommer und Winter, sondern auch die Elemente Wasser und Eis. Herausgekommen ist ein ruhiger, minimalistischer und angenehm zu schauender Film.
Alte Neu-Entdeckungen
The Strange Case of Angelica (2010)
High and Low (1963)
Blow Out (1981)
Once (2007)
Jacquot de Nantes (1991)
Mishima – Life in Four Chapters (1985)
Deep Red (1975)
The Bitter Stems (1956)
Fargo (1996)
Le Circle Rouge (1970)
Kurzfilm-Entdeckungen
Lloyd Wong, Unfinished (2025)
Der Ausdruck der Hände (1997)
Buba (1930)
Castle of Otranto (1977)
Roulement, rouerie, aubage (1978)
Podwórka (2009)
Nr. 1 – Aus Berichten der Wach- und Patrouillendienste (1985)
Wie viel trennt Körper und Geist? „Aus meiner Haut“ wirft große Fragen über Identität, Liebe und Selbstakzeptanz auf – in einer faszinierenden Mischung aus magischem Realismus und emotionaler Tiefe.
„Aus meiner Haut“ ist kein komplizierter, verschachtelter Mysteryfilm, wenngleich er sich Elementen des magischen Realismus bedient, welche das komplexe Beziehungskonstrukt unserer beiden Hauptprotagonisten, Tristan (Jonas Dassler) und Leyla (Mala Emde), zum Wanken bringen. Dabei geht es hier eigentlich gar nicht unbedingt primär um die Beziehung zwischen Tristan und Leyla, sondern letztlich viel mehr um die Beziehung zu sich selbst und seinem Körper, allen voran der Frage, ob Körper und Geist getrennt oder als Einheit betrachtet werden sollten.
Kann ein kranker, gebeutelter Körper auch den Geist krank machen oder ist es gar andersherum? Eine Frage mit der sich z. B. auch die Psychosomatik bereits in der Medizin immer häufiger auseinandersetzt, schließlich macht die mentale Gesundheit einiges an der ganzheitlichen körperlichen Gesundheit eines Menschen aus.
Zwar erfahren wir im Verlauf des Films nur wenig über die Vergangenheit von Leyla und Tristan, dem vorliegenden Trauma und den Gründen der Depression Leylas, was für mich aber gerade die Stärke dieses Films ausmacht.
Denn wie oft beantwortet man die Frage „Wie geht’s dir?“ eigentlich wahrheitsgemäß? Mal antwortet man aus Höflichkeit unehrlich, mal aus Schamgefühl, weil man den anderen nicht damit belasten will oder aus Selbstschutz, um sich nicht weiter damit auseinandersetzen zu müssen. Wie oft nehmen wir uns denn wirklich mal die Zeit, in uns hineinzuhorchen und zu ergründen wie es uns ergeht?
Und wie soll eine außenstehende Person verstehen können, was man selbst gerade fühlt, wie man sich gerade fühlt, wenn diese so etwas noch nicht erlebt hat – eben nicht in deinem Körper steckt. Das muss sich auch Leyla gedacht haben, nachdem Tristan sie fragt „Geht es dir denn wirklich so schlecht?“
Leyla fühlt sich anfangs gefangen im eigenen Körper, sieht das Experiment als eine Art Chance auf „Heilung“ und fühlt sich in anderen Körpern befreiter und lebendiger denn je. Im Verlauf des Films erlernt sie quasi nach und nach wieder zu leben ohne ihren schweren „Altlasten“ auf den Schultern ihres gebeutelten Körpers.
Leylas psychischer wie körperlicher Zustand stellt ihre Beziehung zu Tristan auf die Probe. Kann man eine andere Person lieben, wenn man sich selbst nicht liebt? Verliebt man sich wirklich in den Menschen, die Persönlichkeit eines diesen oder doch viel mehr in die eigene Vorstellung dessen? Oder ist es doch das Oberflächliche eines Menschen, welches wir als Projektionsfläche nutzen?
„Aus meiner Haut“ ist ein Film der viele Themen anreißt, einige Fässer aufmacht und in verschiedenste Gewässer mit seinen Fußspitzen eintaucht, um in erster Linie zum Nachdenken anzuregen. Dabei muss er nicht alles aussprechen, weiter konkretisieren oder ausmalen, darin liegt viel mehr die Stärke wie auchFreiheit des filmischen Gedankenexperiments.
Hier wird nicht geurteilt oder vermessen etwas behauptet, nicht stigmatisiert oder bewertet – es liegt alles im Auge des Betrachters, der Perspektive, die man einzunehmen vermag.
Der Film von Alex Schaad bietet viel Hirnfutter als Buffet an, wie sehr man sich daran bedient, hängt davon ab wie viel Hunger man mitbringt und wie schnell man von den Häppchen gesättigt ist.
Wer Lust auf ein philosophisches Gedankenexperiment mit Körpertauschelementen aus „Altered Carbon“ und der mysteriösen Kommunenatmosphäre aus „Midsommar“ (ohne Horror!) hat, wird hier definitiv fündig.
Fazit: „Aus meiner Haut“ ist ein intelligenter SciFi-Liebesfilm aus Deutschland, der mit einfachen, aber cleveren, authentischen Dialogen und Wendungen äußerst erfrischend und geistig anregend auf mich wirkte. Klare Empfehlung, wer sich nach etwas zum Nachdenken sehnt!
Mit seinem Langfilmdebüt „Magpie“ (2024) gelingt dem britischen Regisseur Sam Yates ein psychologisches Beziehungsdrama, das geschickt zwischen Neo-Noir- und Thriller-Elementen vor allem mit Erwartungen spielt – mit den Erwartungen der Zuschauer*innen und den der Figuren selbst.
Aber woher kommen eigentlich Erwartungen? Diese müssen nämlich gar nicht an Sehgewohnheiten geknüpft sein. Aber bei „Gewohntem“ sind wir trotzdem auf der richtigen Spur.
Erwartungen im Film – Ein psychologischer Blick auf „Magpie“
Erwartungen sind stark mit Gewohnheiten verknüpft. Sie entstehen im Gehirn durch Erfahrungen, die wir machen. Sei es nun beispielsweise, dass wir als kleines Kind die Herdplatte anmachten, diese heiß wurde und wir uns daran verbrannten. Als Kind mussten wir das vielleicht gar öfter ausprobieren, um das Muster zu erkennen, dass es nicht nur das eine mal so passiert, sondern quasi immer. So speichert unser Gehirn Erfahrungen ab, erkennt wiederkehrende Muster und reagiert mit neuronalen Vorhersagemodellen darauf. An diesem Beispiel wäre die Vorhersage, dass wir davon ausgehen, dass die Herdplatte heiß wird, wenn wir sie anmachen. Wenn eine Erwartung erfüllt wird, wird Dopamin ausgeschüttet, wir werden also belohnt. So entstehen auch Gewohnheiten, da diese unser Gehirn durch einfache Muster entlasten, wir nicht länger über etwas nachdenken müssen als nötig. Denn nicht umsonst sagt man über uns Menschen auch, dass wir Gewohnheitstiere sind. Gewohnheiten sollen schließlich unser Leben vereinfachen.
Vorurteile paradoxerweise aber auch. Denn „Schubladendenken“ soll auch persé unser Leben erst einmal erleichtern. Ein Vorurteil entsteht auch basierend auf Erfahrungen und Mustern, die wiederum auch kulturell und sozial beeinflusst werden. So ist ein Vorurteil zunächst eine Vorhersage, die wir über eine Person oder Situation treffen, basierend darauf. Verfestigen sich diese Vorhersagen, werden Vorurteile gar zur Erwartung. So lässt sich kurz festhalten – wir denken alle in Schubladen, weil unser Gehirn uns das Leben erleichtern möchte, wir müssen uns nur immer dessen bewusst sein durch bewusste Reflexion.
Das Bild einer glücklichen Beziehung?
Der Film eröffnet direkt mit einem Bild im Bild, zeigt es Mutter Anette (Daisy Ridley) wie sie Tochter Matilda (Hiba Ahmed) beim Vorsprechen für eine Filmrolle aufnimmt – eine Metaebene, die später nochmal eine größere Rolle spielt. Wir sehen Vater Ben (Shazad Latif) wie er liebevoll mit seiner Tochter umgeht, unterkühlter mit seiner Frau. Als Anette ihren Mann später um Rat fragt, was sie zum Meeting am nächsten Tag anziehen solle, reagiert dieser komplett desinteressiert. Er hat nur Augen für ein geleaktes Sextape der Schauspielerin Alicia (Matilda Lutz), die Matildas Filmmutter spielen soll. Anette tut Alicia leid und nimmt diese in Schutz, wogegen sich Ben eher despektierlich über sie äußert. Als am nächsten Morgen Ben seine volle Aufmerksamkeit seinem Handy widmet, welches er partout nicht finden kann, anstatt sich um das schreiende Neugeborene Luca zu kümmern, hat sich bereits ein Bild für die Zuschauer*in abgezeichnet. Dass Ben dann noch dazu im Alleingang ohne Absprache die Babysitterin gefeuert hat, dass wichtige Meeting seiner Frau nicht im Kopf hatte und vor den Konsequenzen buchstäblich wegläuft, verfestigt unser Bild von Ben. Er wirkt respektlos, unaufmerksam, stur, ausweichend und egozentrisch. Anette dagegen wenigstens noch bemüht, aber auch frustriert, erträgt jedoch sein respektloses Verhalten öfter als dass sie etwas sagt. So haben wir in den ersten fünf Minuten bereits einen ersten Eindruck der Figuren, ihrer Beziehungen und Dynamik zueinander bekommen. Einen ersten Eindruck, der unsere Erwartungen an die Figuren und die Handlung befüttert.
Vom Sehen und Gesehen werden, ein Exkurs
Der Film zeigt gut das grundlegende Bedürfnis des Menschen auf – nach Bindung. Wir Menschen wollen gesehen und gehört werden, respektiert und wertgeschätzt werden, akzeptiert und geliebt werden, für das was uns ausmacht, für die Person, die wir sind mit Ecken und Kanten. Deshalb kleiden wir uns, präsentieren uns, drücken uns auf diverse Weise aus und kommunizieren so miteinander.
Damit meine ich keine Bewerbungsgespräche, Lebensläufe oder Dating-Profile. Tagtäglich tragen wir unser „Ich“ nach außen in die Welt, ob auf der Arbeit, in der Schule, beim Sport oder beim Einkaufen. Wir kommunizieren nicht nur über Mimik, Gestik und Sprache sondern auch non-verbal und unterbewusst über beispielsweise Pheromone und Hormone in Form von Körpergeruch oder unkontrollierbaren Gefühlsregungen wie z.B. Anziehung, Angst oder Ekel. Durch Erfahrung und Intuition sind uns manche Menschen sympathischer als andere. Wir fühlen uns förmlich angezogen zu ihnen oder gar abgestoßen ohne dass wir es bewusst begründen können.
So kann es also auch vorkommen, dass man in seiner eigenen Fantasie leben kann (tatsächlich kann das Gehirn zwischen Träumen und realen Erinnerungen nicht unterscheiden!) ohne es wirklich zu bemerken – dass man irgendwann im schlimmsten Fall die eigene (Lebens-)Lüge glaubt. Ist man unzufrieden mit sich, seinem Leben oder der Gesamtsituation oder sucht nach Ablenkung oder Unterhaltung als Ausbruch aus der Monotomie des Alltags, freut man sich öfter über jegliche Art von Realitätsflucht.
Figurenzeichnung Ben
So auch unsere Hauptfigur Ben, den die Welt am Filmset seiner Tochter Matilda fasziniert und vom Charisma der empathisch wirkenden Schauspielerin Alicia förmlich angezogen und verzaubert wird. Es bietet ihm eine Fantasie, der er sich völlig hingeben kann, in der er Alicia auf ein Podest heben kann, sie aus der Distanz anhimmeln kann und über Textnachrichten mit ihr eine Verbindung eingehen kann. Eine Verbindung, die sich so real für ihn anfühlt, dass er gar nicht bemerkt, dass der Reiz dieser Verbindung in seiner Fantasie liegt, in der er keine Angst vor Verantwortung, Verpflichtung oder direkten Konsequenzen haben muss.
Es ist für uns nachvollziehbar, warum er sich in diese Fantasie mit Alicia flüchtet, fühlt er sich nicht mehr so geliebt und gesehen von seiner Frau, wie er sich das wünscht. Noch dazu läuft es bei ihm beruflich nicht so gut, sein letzter erfolgreicher Roman lässt auf sich warten und noch dazu macht sich seine eigene Frau über sein Unvermögen als Autor lustig, stellt sein Schreibtalent und seine Werke in kleinen Sticheleien in Frage. Dass Alicia ihm dagegen beim ersten Treffen sogar noch erzählt, dass sie eines seiner Bücher gelesen hat, ist eine Bauchpinselei, die Ben offenbar dringend nötig hat, zu groß und fragil ist sein Ego, um nicht darauf anzuspringen. Was von Alicia vielleicht nur als aufmerksames Kompliment gedacht war, wirkte vermutlich für Ben wie ein übergroßer Ego-Schmeichler, ein Ritterschlag.
Figurenzeichnung Anette
Bild:(c) 55 Films
Für Anette wirken die ganzen verliebten Textnachrichten ihres Mannes dagegen eher wie ein Schlag ins Gesicht. Doch ist es sie, die diese überhaupt erst möglich macht, die durch ihre Manipulation, ihr Eingreifen in eine reale Beziehung zwischen Ben und Alicia, genau diese unmöglich macht.
Über Anette ist uns weniger bekannt, außer dass sie ihren Job in einem Verlag aufgegeben hat, um sich um ihr Neugeborenes zu kümmern und ihren Mann beim Schreibprozess in einem Haus auf dem Land zu unterstützen. Eine Medikation aufgrund ihrer psychischen Gesundheit und ihr teils unterkühlteres Verhalten könnten auch z.B. auf eine Wochenbettdepression hindeuten. Hier bleibt der Film jedoch bewusst uneindeutig.
Viel mehr wird klar, welchen täglichen Herausforderungen sich Anette als Mutter zweier Kinder stellen muss, nimmt ihr Gatte seine Verantwortung weniger wahr und übergeht die Vereinbarungen mit seiner Frau, wenn es um die Kinder geht. Ob ihr Neugeborenes ihre Beziehung vielleicht gar retten sollte? In Gesprächen mit ihrem ehemaligen Chef und einer Bekannten kommt Ben jedenfalls nicht so gut weg, wird indirekt als erfolglos, egozentrisch, unloyal und untreu gezeichnet. Anettes Misstrauen gegenüber der Treue ihres Mannes, ihre Eifersucht und Sticheleien sind damit auch nachvollziehbarer für uns.
Doch ist auch sie keine grundsympathische Figur. Ihr eifersüchtiges, obsessives und manipulatives Verhalten treibt ihren Ehemann und auch ihre Tochter Matilda weiter von ihr weg. Ihre Intepretation von Alicia wie auch unsere Interpretation von Anette und Alicia, ist entscheidend für die Wahrnehmung des Films.
Eine feminine Perspektive = eine feministische Perspektive?
Der Film zeigt mit diesem Fokus seinen eher weiblichen Blick auf die Situation, was man nicht nur an der nuancierten Figurenzeichnung bemerkt, die sich nie in unnötigen Klischees verliert, sondern auch in der ungeschönten, realistischen Darstellung von Mutterschaft. Letzteres wird aktuell zunehmend zum Thema in Filmen gemacht, ob nun in „Roma“ (2018), „Tully“ (2018), „Paralle Mütter“ (2021), „Frau im Dunkeln“ (2022), „If I Had Legs I’d Kick You“ (2025) oder „Cicadas“ (2025).
Ist die Manipulation also „nur“ eine Retourkutsche einer übergangenen, unterdrückten Frau, die sich so Macht und Respekt erkämpfen will? Oder ist es doch eine gezielte Sabotage einer aufkeimenden Bindung ihres Mannes, die sie ihm nicht gönnt aus Eifersucht und Angst? Der Film gibt darauf keine eindeutige Antwort.
Toxische Beziehungsdynamiken, die an „Gone Girl“ und „Der seidene Faden“ erinnern
Diese Ambivalenz der beiden Hauptfiguren sorgt dafür, dass wir immer wieder unserer eigenen Sympathien aufs Neue hinterfragen. Sowohl Ben als auch Anette verhalten sich manipulativ, treffen moralisch fragwürdige Entscheidungen, instrumentalisieren Unbeteiligte und sich gegenseitig. Es ist ein Film über eine unglückliche Ehe mit einer ungesunden Beziehungsdynamik, in der zwei Menschen einander nicht guttun und längst nicht mehr ihr bestes „Ich“ sind. Der Film urteilt nicht, sondern lässt das Publikum selbst abwägen.
Darüberhinaus lassen sich einige Parallelen zu „Gone Girl“ (2014) und „Der seidene Faden“ (2017) ziehen – ob nun die subtile, aber durchdringende Manipulation oder die unterschwellige, emotionale Grausamkeit inmitten scheinbarer Liebe. Doch „Magpie“ fügt dem eine weitere Ebene hinzu: Er erzählt viel über Mutterschaft. Über die Rolle einer Frau in einem derartigen Beziehungskonstrukt, über die Frage, inwieweit eine Mutter ihr eigenes Glück für die Familie opfert – oder ob sie nicht selbst eine Rolle spielt, die sie bewusst aufrechterhält.
Auch wir nehmen Rollen auf verschiedenen (Meta-)Ebenen ein. Als aufmerksames Publikum des Films „Magpie“. Als Beobachter*in der Handlung des Historienfilms und ihren übertragbaren Figuren (Mutter-Tochter) in der Handlung des eigentlichen Films. Als reflektierter Mensch, der sich in verschiedenen Situation und/oder Figuren wiederfindet.
„Magpie“ kreist um den Drang nach Bestätigung, um die Macht von Wunschbildern und die fragile Konstruktion von zwischenmenschlichen Beziehungen – in der Liebe wie im Leben. Ein überraschend vielschichtiger Film, der uns vor Augen führt, wie leicht wir uns täuschen lassen – von anderen und uns selbst.