Das Kinojahr 2025 ist vorbei und für mich bleibt ein etwas ernüchterter Blick zurück. Ich habe mich in diesem Jahr eher auf ältere Filme (und meine Bachelorarbeit) konzentriert, weshalb ich weniger gesehen habe als gewöhnlich. Listenkandidaten wie „One Battle After Another“ oder „Sentimental Value“ blieben mir bisher verwehrt – Filme wie „Bugonia“ und „Ein einfacher Unfall“ haben mich leider enttäuscht.
Es verbleiben fünf Filme, die in für mich aktiveren Kinojahren teilweise auch auf einer Geheimtipp-Liste hätten landen können. Diese sollen nun hier gebührend Erwähnung finden! Achtung: Manche Filme haben ihren Kinostart erst 2026 oder suchen noch einen Verleih.
Unter den Filmen finden sich zwei weitere Top-Listen: Eine mit Lang- und eine mit Kurzfilmen, die ich 2025 entdeckt habe. Wirf auch dort gerne einen Blick hinein!
Ich blicke hinaus auf ein ereignisreicheres 2026 – für meinen Letterboxd-Account, aber auch für Cinescaped!
Mein Liebling aus diesem Jahr! Josh O’Conner spielt das, was er am besten spielt: Einen Drifter auf der Suche nach etwas – in diesem Fall etwas nicht Vorhandenem. Kelly Reichardt inszeniert hier einen Slow-Heist-Film, der seine eigenen Strukturen nach und nach auflöst.
Hochinteressante Found-Footage-Dokumentation von Radu Jude und Christian Ferencz-Flatz, bestehend aus Werbeclips aus dem postsozialistischen Rumänien. In acht Kategorien aufgeteilt, offenbart der Film in den Kapitalismus gesetzte Hoffnungen, die heute (und wohl auch damals) absurd wirken. André Pitz schrieb passend in seiner Review: „Es wird suggeriert: Der Mensch ist nur, wenn er konsumiert.“
Von Lana Daher kuratierte audiovisuelle Reise durch 70 Jahre libanesische Geschichte. Beim Q&A auf dem Filmfest Hamburg erzählte einer der Produzenten, dass Daher erst durch den Film erkannt habe, dass sie in einem Kriegsgebiet aufgewachsen ist. Die Spuren haben sich im Material verewigt.
Moralische Abgründe à la Radu Jude. Über eine Gerichtsvollzieherin (Eszter Tompa), die nach dem Selbstmord eines Obdachlosen, an dem sie eine Teilschuld trägt, verzweifelt versucht ihr Gewissen reinzuwaschen. Judes Satire wird begleitet von einem für ihn charakterisierenden Internet-Humor. Sidenote: In einer Bar hängt ein „Kuhle Wampe: oder Wem gehört die Welt?“-Poster! Über den Film habe ich im Sommer meine Bachelorarbeit geschrieben und zur Zensurgeschichte des Films erscheint demnächst ein Artikel.
Ein Film-in-Film: Regisseur Shô Miyake untersucht in zwei Episoden die Beziehungen von Fremden, die an unterschiedlichen Orten und Jahreszeiten aufeinandertreffen. Im Fokus stehen dabei nicht nur die Jahreszeiten Sommer und Winter, sondern auch die Elemente Wasser und Eis. Herausgekommen ist ein ruhiger, minimalistischer und angenehm zu schauender Film.
Alte Neu-Entdeckungen
The Strange Case of Angelica (2010)
High and Low (1963)
Blow Out (1981)
Once (2007)
Jacquot de Nantes (1991)
Mishima – Life in Four Chapters (1985)
Deep Red (1975)
The Bitter Stems (1956)
Fargo (1996)
Le Circle Rouge (1970)
Kurzfilm-Entdeckungen
Lloyd Wong, Unfinished (2025)
Der Ausdruck der Hände (1997)
Buba (1930)
Castle of Otranto (1977)
Roulement, rouerie, aubage (1978)
Podwórka (2009)
Nr. 1 – Aus Berichten der Wach- und Patrouillendienste (1985)
Théodore Pellerin und Archie Madekwe glänzen in Alex Russells Regiedebüt – Ein Psychothriller über Ruhm, Anerkennung und soziale Hierarchien
Der junge Matthew (Théodore Pellerin) arbeitet in einem Bekleidungsladen, wo er auf den angehenden Popstar Oliver (Archie Madekwe) trifft. Mit einer scheinbar unbedeutenden Geste zieht er Olivers Aufmerksamkeit auf sich – und gewinnt ihn für sich. Oliver nimmt Matthew in seinen inneren Kreis auf. Matthew genießt diesen besonderen Status in Olivers Entourage, bis er merkt, dass er gar nicht so besonders ist, wie er dachte und eben doch austauschbar ist.
Zu Beginn erweckt „Lurker“ den Eindruck eines leichten Dramas über eine ungleiche Freundschaft – vielleicht sogar einer schwulen Liebesgeschichte. Stattdessen entfaltet sich eine tiefgründige Charakterstudie über Star und Fan.
Oliver lebt in einer Blase aus Ja-Sagern, die ihm genau das geben, was er hören und sehen will. Eine klare soziale Hierarchie bestimmt sein Umfeld. Für seine Fans und seine Entourage ist er „jemand“ – bewundert, beachtet, unantastbar. In diese Welt tritt Matthew, der vermeintlich naive Außenseiter, der jedoch genau weiß, wie er Oliver beeindrucken kann. Was anfangs wie eine authentische Freundschaft wirkt, wird bald zu einem manipulativen Spiel um Einfluss und Status.
Hier zeigt sich das zentrale Thema des Films: Menschen wollen gesehen werden. Und manche gehen dafür weit – um bestimmten Menschen zu gefallen, um zu bestimmten Bubbles zu gehören. Ein gewisses Ansehen, eine gewisse Sinnhaftigkeit zu genießen, weil sie sich dann wie „jemand“ fühlen. Weil sie sich dann so fühlen, als wären sie etwas Besonderes. Matthews Streben nach Anerkennung spiegelt sich in Olivers Selbstinszenierung als gefeierter Künstler wider, der seine Bestätigung aus der Bewunderung seiner Fans zieht.
Mit seinem cleveren Drehbuch und einer inszenatorischen Finesse, dem wiederholten Spiel mit Meta-Perspektiven, entwickelt der Film eine düstere Sogwirkung mit erfrischend kreativen Kniffen. Der Plot ist nicht so leicht zu durchschauen und hält einen konstant neugierig. Besonders hervorzuheben ist der raffinierte Einsatz der Kamera, die eine zusätzliche narrative Ebene eröffnet, die unter anderem Matthews Blick auf die Welt und seine wachsende Obsession spürbar macht.
Nicht zuletzt sorgt das überragend nuancierte Schauspiel von Théodore Pellerin und Archie Madekwe in den Hauptrollen, wie auch das stimmige Spiel des gesamten Casts, dafür, dass wir mit den Figuren mitfühlen, mitfiebern, leiden und rätseln.
So entfaltet sich ein spannender, verstörender Psychothriller, dessen zynisches Ende voller schwarzem Humor noch lange nachhallt. Subtil, aber konsequent, spiegelt der Film die Einsamkeit, fehlende Selbstwirksamkeit, mangelnde Reflektionsfähigkeit und Orientierungslosigkeit unserer Gesellschaft in der Social-Media-Ära wider. Man sehnt sich augenscheinlich nach Ehrlichkeit und Authentizität, sieht sich dieser dann doch nicht gewachsen und flüchtet sich in oberflächliche Verbindungen.
Tonal bewegt sich der Film geschickt zwischen Indie-Ästhetik, stylischen Bildern und bewusstem Cringe. Doch nicht nur das: Der Film ist auch ein scharfsinniger Kommentar über Stardom, blindem Fan-Sein, die Musikindustrie, Selbstbild und künstlerische Wahrheit – über das, was wir verkaufen und wie wir es verkaufen.
Gesehen im Rahmen der Berlinale 2025 in der Sektion Berlinale Special Gala.
Jan-Ole Gersters Vacation Noir setzt auf subtile Spannung, hypnotische Atmosphäre und ein rätselhaftes Beziehungsgeflecht auf Fuerteventura.
In „Islands“ sehen wir Tennistrainer Tom (Sam Riley) bei seiner Arbeit auf der kanarischen Insel Fuerteventura. Wenn er nicht auf dem Tennisplatz ist, vertreibt er sich seine Zeit mit Partys, Alkohol und flüchtigen Affären. Bis er eines Tages die Familie Maguire kennenlernt, die ihn aus seiner Alltagsmonotomie herauszuholen scheint. Anne (Stacy Martin) möchte unbedingt Tennisstunden für ihren Sohn Anton (Dylan Torrell) bei Tom buchen und freundet sich mit ihm an. Tom versteht sich auf Anhieb gut mit Anne, ihrem Mann Dave (Jack Farthing) und dem kleinen Anton und führt die Familie auf der Insel herum. Doch die Idylle trügt: Spannungen zwischen Anne und Dave werden immer spürbarer und plötzlich verschwindet Dave spurlos. Anne und Tom werden verdächtigt, etwas mit dem Verschwinden zu tun zu haben.
„Islands“ ist ein Paradebeispiel für meisterhaftes Slow-Burn-Kino. Ein Vacation Noir, der mit faszinierenden Bildkompositionen und einer dichten, geheimnisvollen Atmosphäre fesseln kann – ähnlich wie „Burning“ (2018) oder die Serie „Ripley“ (2024). Natürlich weckt der Film auch Assoziationen an „Der talentierte Mr. Ripley“ (1999) – allein durch die Dreier-Figuren-Konstellation und das Urlaubs-Setting.
Stilistisch erinnert der Film allerdings weit stärker an die Serie „Ripley“, insbesondere in der statischen, perfekt komponierten Bildsprache, die eine trügerische Harmonie ausstrahlt bis kleine Unruhemomente diese Ordnung brechen und Unbehagen erzeugen. Dieser visuelle Stil weist auch Parallelen zu Yorgos Lanthimos auf, der mit seinen fotografisch anmutenden, beinahe triptychonartigen Kompositionen ein ähnliches Spannungsverhältnis schafft.
Doch „Islands“ funktioniert nicht nur über seine hypnotischen Bilder. Es ist das langsame Erzähltempo, das seine eigene Sogkraft entfalten kann. Der Film packt dabei nicht mit klassischen Thriller-Mechanismen, sondern zieht durch eine stetige, schleichende Ungewissheit seine Zuschauer*innen in seinen Bann.
Wer sich darauf einlässt, wird in einen rätselhaften Strudel aus Andeutungen und latenter Bedrohung gezogen, was wiederum an „Burning“ erinnert.
Sam Rileys Schauspiel ist so facettenreich in seiner Subtilität, dass das, was durch Mimik oder Gestik transportiert wird, oft mehr sagt als die gesprochenen Worte allein.
So entsteht ein Mystery-Crime-Film, der viel Raum für unterschiedliche Interpretationen und Lesarten lässt.
Für mich ist es ein Film über verpasste Chancen, Verantwortung, Verpflichtung, Freiheit und die eigene Sinnhaftigkeit.
Gesehen im Rahmen der Berlinale 2025 in der Sektion Berlinale Special Gala.
Mit seinem Langfilmdebüt „Magpie“ (2024) gelingt dem britischen Regisseur Sam Yates ein psychologisches Beziehungsdrama, das geschickt zwischen Neo-Noir- und Thriller-Elementen vor allem mit Erwartungen spielt – mit den Erwartungen der Zuschauer*innen und den der Figuren selbst.
Aber woher kommen eigentlich Erwartungen? Diese müssen nämlich gar nicht an Sehgewohnheiten geknüpft sein. Aber bei „Gewohntem“ sind wir trotzdem auf der richtigen Spur.
Erwartungen im Film – Ein psychologischer Blick auf „Magpie“
Erwartungen sind stark mit Gewohnheiten verknüpft. Sie entstehen im Gehirn durch Erfahrungen, die wir machen. Sei es nun beispielsweise, dass wir als kleines Kind die Herdplatte anmachten, diese heiß wurde und wir uns daran verbrannten. Als Kind mussten wir das vielleicht gar öfter ausprobieren, um das Muster zu erkennen, dass es nicht nur das eine mal so passiert, sondern quasi immer. So speichert unser Gehirn Erfahrungen ab, erkennt wiederkehrende Muster und reagiert mit neuronalen Vorhersagemodellen darauf. An diesem Beispiel wäre die Vorhersage, dass wir davon ausgehen, dass die Herdplatte heiß wird, wenn wir sie anmachen. Wenn eine Erwartung erfüllt wird, wird Dopamin ausgeschüttet, wir werden also belohnt. So entstehen auch Gewohnheiten, da diese unser Gehirn durch einfache Muster entlasten, wir nicht länger über etwas nachdenken müssen als nötig. Denn nicht umsonst sagt man über uns Menschen auch, dass wir Gewohnheitstiere sind. Gewohnheiten sollen schließlich unser Leben vereinfachen.
Vorurteile paradoxerweise aber auch. Denn „Schubladendenken“ soll auch persé unser Leben erst einmal erleichtern. Ein Vorurteil entsteht auch basierend auf Erfahrungen und Mustern, die wiederum auch kulturell und sozial beeinflusst werden. So ist ein Vorurteil zunächst eine Vorhersage, die wir über eine Person oder Situation treffen, basierend darauf. Verfestigen sich diese Vorhersagen, werden Vorurteile gar zur Erwartung. So lässt sich kurz festhalten – wir denken alle in Schubladen, weil unser Gehirn uns das Leben erleichtern möchte, wir müssen uns nur immer dessen bewusst sein durch bewusste Reflexion.
Das Bild einer glücklichen Beziehung?
Der Film eröffnet direkt mit einem Bild im Bild, zeigt es Mutter Anette (Daisy Ridley) wie sie Tochter Matilda (Hiba Ahmed) beim Vorsprechen für eine Filmrolle aufnimmt – eine Metaebene, die später nochmal eine größere Rolle spielt. Wir sehen Vater Ben (Shazad Latif) wie er liebevoll mit seiner Tochter umgeht, unterkühlter mit seiner Frau. Als Anette ihren Mann später um Rat fragt, was sie zum Meeting am nächsten Tag anziehen solle, reagiert dieser komplett desinteressiert. Er hat nur Augen für ein geleaktes Sextape der Schauspielerin Alicia (Matilda Lutz), die Matildas Filmmutter spielen soll. Anette tut Alicia leid und nimmt diese in Schutz, wogegen sich Ben eher despektierlich über sie äußert. Als am nächsten Morgen Ben seine volle Aufmerksamkeit seinem Handy widmet, welches er partout nicht finden kann, anstatt sich um das schreiende Neugeborene Luca zu kümmern, hat sich bereits ein Bild für die Zuschauer*in abgezeichnet. Dass Ben dann noch dazu im Alleingang ohne Absprache die Babysitterin gefeuert hat, dass wichtige Meeting seiner Frau nicht im Kopf hatte und vor den Konsequenzen buchstäblich wegläuft, verfestigt unser Bild von Ben. Er wirkt respektlos, unaufmerksam, stur, ausweichend und egozentrisch. Anette dagegen wenigstens noch bemüht, aber auch frustriert, erträgt jedoch sein respektloses Verhalten öfter als dass sie etwas sagt. So haben wir in den ersten fünf Minuten bereits einen ersten Eindruck der Figuren, ihrer Beziehungen und Dynamik zueinander bekommen. Einen ersten Eindruck, der unsere Erwartungen an die Figuren und die Handlung befüttert.
Vom Sehen und Gesehen werden, ein Exkurs
Der Film zeigt gut das grundlegende Bedürfnis des Menschen auf – nach Bindung. Wir Menschen wollen gesehen und gehört werden, respektiert und wertgeschätzt werden, akzeptiert und geliebt werden, für das was uns ausmacht, für die Person, die wir sind mit Ecken und Kanten. Deshalb kleiden wir uns, präsentieren uns, drücken uns auf diverse Weise aus und kommunizieren so miteinander.
Damit meine ich keine Bewerbungsgespräche, Lebensläufe oder Dating-Profile. Tagtäglich tragen wir unser „Ich“ nach außen in die Welt, ob auf der Arbeit, in der Schule, beim Sport oder beim Einkaufen. Wir kommunizieren nicht nur über Mimik, Gestik und Sprache sondern auch non-verbal und unterbewusst über beispielsweise Pheromone und Hormone in Form von Körpergeruch oder unkontrollierbaren Gefühlsregungen wie z.B. Anziehung, Angst oder Ekel. Durch Erfahrung und Intuition sind uns manche Menschen sympathischer als andere. Wir fühlen uns förmlich angezogen zu ihnen oder gar abgestoßen ohne dass wir es bewusst begründen können.
So kann es also auch vorkommen, dass man in seiner eigenen Fantasie leben kann (tatsächlich kann das Gehirn zwischen Träumen und realen Erinnerungen nicht unterscheiden!) ohne es wirklich zu bemerken – dass man irgendwann im schlimmsten Fall die eigene (Lebens-)Lüge glaubt. Ist man unzufrieden mit sich, seinem Leben oder der Gesamtsituation oder sucht nach Ablenkung oder Unterhaltung als Ausbruch aus der Monotomie des Alltags, freut man sich öfter über jegliche Art von Realitätsflucht.
Figurenzeichnung Ben
So auch unsere Hauptfigur Ben, den die Welt am Filmset seiner Tochter Matilda fasziniert und vom Charisma der empathisch wirkenden Schauspielerin Alicia förmlich angezogen und verzaubert wird. Es bietet ihm eine Fantasie, der er sich völlig hingeben kann, in der er Alicia auf ein Podest heben kann, sie aus der Distanz anhimmeln kann und über Textnachrichten mit ihr eine Verbindung eingehen kann. Eine Verbindung, die sich so real für ihn anfühlt, dass er gar nicht bemerkt, dass der Reiz dieser Verbindung in seiner Fantasie liegt, in der er keine Angst vor Verantwortung, Verpflichtung oder direkten Konsequenzen haben muss.
Es ist für uns nachvollziehbar, warum er sich in diese Fantasie mit Alicia flüchtet, fühlt er sich nicht mehr so geliebt und gesehen von seiner Frau, wie er sich das wünscht. Noch dazu läuft es bei ihm beruflich nicht so gut, sein letzter erfolgreicher Roman lässt auf sich warten und noch dazu macht sich seine eigene Frau über sein Unvermögen als Autor lustig, stellt sein Schreibtalent und seine Werke in kleinen Sticheleien in Frage. Dass Alicia ihm dagegen beim ersten Treffen sogar noch erzählt, dass sie eines seiner Bücher gelesen hat, ist eine Bauchpinselei, die Ben offenbar dringend nötig hat, zu groß und fragil ist sein Ego, um nicht darauf anzuspringen. Was von Alicia vielleicht nur als aufmerksames Kompliment gedacht war, wirkte vermutlich für Ben wie ein übergroßer Ego-Schmeichler, ein Ritterschlag.
Figurenzeichnung Anette
Bild:(c) 55 Films
Für Anette wirken die ganzen verliebten Textnachrichten ihres Mannes dagegen eher wie ein Schlag ins Gesicht. Doch ist es sie, die diese überhaupt erst möglich macht, die durch ihre Manipulation, ihr Eingreifen in eine reale Beziehung zwischen Ben und Alicia, genau diese unmöglich macht.
Über Anette ist uns weniger bekannt, außer dass sie ihren Job in einem Verlag aufgegeben hat, um sich um ihr Neugeborenes zu kümmern und ihren Mann beim Schreibprozess in einem Haus auf dem Land zu unterstützen. Eine Medikation aufgrund ihrer psychischen Gesundheit und ihr teils unterkühlteres Verhalten könnten auch z.B. auf eine Wochenbettdepression hindeuten. Hier bleibt der Film jedoch bewusst uneindeutig.
Viel mehr wird klar, welchen täglichen Herausforderungen sich Anette als Mutter zweier Kinder stellen muss, nimmt ihr Gatte seine Verantwortung weniger wahr und übergeht die Vereinbarungen mit seiner Frau, wenn es um die Kinder geht. Ob ihr Neugeborenes ihre Beziehung vielleicht gar retten sollte? In Gesprächen mit ihrem ehemaligen Chef und einer Bekannten kommt Ben jedenfalls nicht so gut weg, wird indirekt als erfolglos, egozentrisch, unloyal und untreu gezeichnet. Anettes Misstrauen gegenüber der Treue ihres Mannes, ihre Eifersucht und Sticheleien sind damit auch nachvollziehbarer für uns.
Doch ist auch sie keine grundsympathische Figur. Ihr eifersüchtiges, obsessives und manipulatives Verhalten treibt ihren Ehemann und auch ihre Tochter Matilda weiter von ihr weg. Ihre Intepretation von Alicia wie auch unsere Interpretation von Anette und Alicia, ist entscheidend für die Wahrnehmung des Films.
Eine feminine Perspektive = eine feministische Perspektive?
Der Film zeigt mit diesem Fokus seinen eher weiblichen Blick auf die Situation, was man nicht nur an der nuancierten Figurenzeichnung bemerkt, die sich nie in unnötigen Klischees verliert, sondern auch in der ungeschönten, realistischen Darstellung von Mutterschaft. Letzteres wird aktuell zunehmend zum Thema in Filmen gemacht, ob nun in „Roma“ (2018), „Tully“ (2018), „Paralle Mütter“ (2021), „Frau im Dunkeln“ (2022), „If I Had Legs I’d Kick You“ (2025) oder „Cicadas“ (2025).
Ist die Manipulation also „nur“ eine Retourkutsche einer übergangenen, unterdrückten Frau, die sich so Macht und Respekt erkämpfen will? Oder ist es doch eine gezielte Sabotage einer aufkeimenden Bindung ihres Mannes, die sie ihm nicht gönnt aus Eifersucht und Angst? Der Film gibt darauf keine eindeutige Antwort.
Toxische Beziehungsdynamiken, die an „Gone Girl“ und „Der seidene Faden“ erinnern
Diese Ambivalenz der beiden Hauptfiguren sorgt dafür, dass wir immer wieder unserer eigenen Sympathien aufs Neue hinterfragen. Sowohl Ben als auch Anette verhalten sich manipulativ, treffen moralisch fragwürdige Entscheidungen, instrumentalisieren Unbeteiligte und sich gegenseitig. Es ist ein Film über eine unglückliche Ehe mit einer ungesunden Beziehungsdynamik, in der zwei Menschen einander nicht guttun und längst nicht mehr ihr bestes „Ich“ sind. Der Film urteilt nicht, sondern lässt das Publikum selbst abwägen.
Darüberhinaus lassen sich einige Parallelen zu „Gone Girl“ (2014) und „Der seidene Faden“ (2017) ziehen – ob nun die subtile, aber durchdringende Manipulation oder die unterschwellige, emotionale Grausamkeit inmitten scheinbarer Liebe. Doch „Magpie“ fügt dem eine weitere Ebene hinzu: Er erzählt viel über Mutterschaft. Über die Rolle einer Frau in einem derartigen Beziehungskonstrukt, über die Frage, inwieweit eine Mutter ihr eigenes Glück für die Familie opfert – oder ob sie nicht selbst eine Rolle spielt, die sie bewusst aufrechterhält.
Auch wir nehmen Rollen auf verschiedenen (Meta-)Ebenen ein. Als aufmerksames Publikum des Films „Magpie“. Als Beobachter*in der Handlung des Historienfilms und ihren übertragbaren Figuren (Mutter-Tochter) in der Handlung des eigentlichen Films. Als reflektierter Mensch, der sich in verschiedenen Situation und/oder Figuren wiederfindet.
„Magpie“ kreist um den Drang nach Bestätigung, um die Macht von Wunschbildern und die fragile Konstruktion von zwischenmenschlichen Beziehungen – in der Liebe wie im Leben. Ein überraschend vielschichtiger Film, der uns vor Augen führt, wie leicht wir uns täuschen lassen – von anderen und uns selbst.
Minimalistisch, effektiv und stylish – Michael Fassbender brilliert in einem präzise inszenierten Neo-Noir mit Killer-Soundtrack und packender Atmosphäre.
Der Killer (Michael Fassbender) arbeitet schon jahrelang als skrupelloser Auftragsmörder, der immer äußerst methodisch und kalt bei seiner Arbeit vorgeht. Doch das alles ändert sich nach einem gescheiterten Auftrag, der ihm zum Verhängnis wird. Der Jäger wird zum Gejagten.
„Stick to the plan. Anticipate, don’t improvise. Trust no one.“ Except for the Smiths. They had some Killer songs.
Dieses Mantra zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film, sowohl auf der Plot-Ebene wie auch der ästhetischen Ebene. Fassbenders Spiel fügt sich dabei wunderbar in die simple Effizienz des Films ein, sagt seine Figur auch passend an einer Stelle:
„If I’m effective, it’s because of one simple fact. I don’t give a fuck.“
„Der Killer“ (sowohl Film wie Figur) ist simpel und effektiv, genau darin liegt auch die Stärke des Films. Getragen von dem top Schnitt, der top Kamera und einem gelungenen Drehbuch, hat der Film ein sehr angenehmes Pacing.
Das Colorgrading in Kombination mit dem (wieder mal) brillanten Score von Trent Reznor & Atticus Ross und dem fantastischen Sounddesign sorgen für eine unheimlich dichte Atmosphäre, die mit Fassbenders Killer Monologen aus dem Off eine besondere Sogkraft entfalten, wobei letzteres auch sehr an Dexter Morgan erinnert.
Auch Witz und Cleverness kommen an dieser Stelle nicht zu kurz, sei es der Nutzen von AirBnBs, den Vorteilen von Amazon Prime oder auch der Griff zur Käsereibe. Dabei darf die herausragend choreographierte Kampfszene nicht unerwähnt bleiben, die sehr mitreißend inszeniert wurde.
Fazit: Der Film ist einfach durch und durch crisp ohne große Spielereien und unnötigen Twists. Dafür ist er aber verdammt effektiv in dem was er macht und was er letztlich ist. Mag vielleicht nichts „Besonderes“ sein, ich mag’s jedenfalls. Es lebe der Hund!