„Baby Reindeer“ (2024) – Serienkritik: Eine erschütternde Miniserie über Stalking, Trauma und männliche Verletzlichkeit

Bild: © Netflix

Richard Gadds autobiografisches Drama zeigt die düstere Realität von Obsession und Missbrauch – schonungslos und eindringlich erzählt.

„Baby Reindeer ist eine jener Miniserien, die nachhaltig im Gedächtnis bleiben – nicht wegen ihrer Schockmomente, sondern aufgrund der entblößenden Offenheit, mit der sie erzählt ist. Richard Gadd verarbeitet hier nicht einfach eine einschneidende Erfahrung, sondern legt ein autobiografisches Mosaik aus Schmerz, Scham, Ohnmacht und (Über-)Lebenswillen frei.

Im Zentrum steht Donny Dunn (gespielt von Gadd selbst), ein Comedian, der seinen Lebensunterhalt als Barkeeper bestreitet. Was als freundliche Geste gegenüber einer Stammkundin beginnt, nimmt eine bedrohliche Wendung, als Martha Scott (Jessica Gunning) Donny mit Nachrichten, Geschenken und ständiger Präsenz überrollt. Aus einem vermeintlich harmlosen Kontakt entsteht etwas, das sich kaum noch in Worte fassen lässt – eine Form des Stalkings, die Donny nicht nur an seine Grenzen, sondern an verdrängte Erinnerungen heranführt.

„Why’d it take you so long to report it?“ – Police officer

Die Serie stützt sich auf Gadds gleichnamige One-Man-Show, verarbeitet aber vor der Kamera deutlich rohere, unmittelbare Ebenen seines persönlichen Erlebens von physischer und psychischer Gewalt. Sie behandelt damit ein wichtiges Thema, das oft aufgrund von toxischen Rollenbildern und mangelnder Aufklärung in unserer Gesellschaft tot geschwiegen wird – sexuelle Übergriffe und Missbrauch an Männern. Das Gezeigte ist aufgrund der Thematik dementsprechend nur schwer zu ertragen, aber die emotionale Komplexität der Serie macht diesen notwendigen Blick wirklich mehr als lohnenswert, auch wenn es schmerzt.

„I couldn’t keep up with it all, everything that was happening. It was like my life began three decades in, and all I needed to do to achieve it was to be honest with myself. It’s funny how things work out.“ – Donny

Gadds Spiel wirkt fast dokumentarisch in seiner schonungslosen Aufrichtigkeit. Gerade weil er sich selbst spielt, entsteht eine ungewohnte Nähe: keine Distanzierung, kein Schutzkorsett, keine Ausflucht in Fiktion. Ob Gadd hier die nötige Distanz fehlt? Das kann ich nicht beurteilen. Kann etwas überhaupt zu ehrlich sein? Ich denke nicht. Denn diese reale Unmittelbarkeit der Figur Donnys öffnet dem Publikum auch behutsam die Tür, in die eigene Verletzlichkeit hineinzufühlen. Jessica Gunning ist als Martha gleichermaßen monströs wie tragisch; eine Figur, die Grenzen verwischt, aber selbst ein Produkt unerkannt gebliebener Wunden ist.

„Baby Reindeer“ ist schwer auszuhalten, aber genau darin liegt seine Bedeutung. Es zeigt, wie komplex Traumata sind, wie tief Scham wirken kann und wie viel Mut es erfordert, die eigenen Erfahrungen auszusprechen – öffentlich, aber vor allem in erster Linie vor sich selbst.

TW: Stalking, Drogenmissbrauch, sexueller Missbrauch, psychische & physische Gewalt

Bewertung: 9/10

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