Kategorie: Kritik

  • „Rose“ – Filmkritik: Ein Unwetter zieht auf

    „Rose“ – Filmkritik: Ein Unwetter zieht auf

    © Match Factory, Piffl Medien

    17. Jahrhundert, während des Dreißigjährigen Krieges: Einige Jahre hat Rose (Sandra Hüller) als männlicher Soldat gekämpft – ein Projektil, welches seine rechte Wange durchschlug, vernarbt ihn permanent. Kämpfen konnte Rose, weil er sich als Mann ausgibt und gelesen wird. Als er mit einem Erbschein ausgestattet eines Tages in ein abgelegenes Dorf kommt und einen leerstehenden Hof für sich reklamiert, reagiert die Gemeinschaft verhalten. Doch Rose möchte sich niederlassen, sich integrieren. Funktioniert sein Vorhaben zunächst, zeigt er sich spendabel und hilfsbereit, heiratet sogar, bricht seine Scheinwelt nach einem Unfall beim Imkern in sich zusammen.

    Das deutsch-österreichische Historiendrama von Regisseur Markus Schleinzer will zum Diskutieren anregen. Gibt der Film Menschen, die wie Rose gelebt haben, eine Stimme? Wie verändert Rose die Geschlechterrollen (im festen binären System Mann/Frau) im Mikrokosmos protestantisches Dorf? Inwiefern kann sich Roses Ehefrau Suzanna (Caro Braun) selbst ermächtigen, wenn sie die Geschicke steuert, als sich Rose von zahlreichen Bienenstichen erholt? Und wie äußert sich die Antwort des Patriarchats, wenn es sich angegriffen fühlt? Schleinzer geht diese Fragen behutsam an, schneidet im entscheidenden Moment oft weg und füllt die Leerstellen durch Marisa Growaldt als Erzählerin aus dem Off. In poetisch anmutenden Worten überlässt sie es der Fantasie der Zuschauer*innen, jene Bilder zu füllen.

    Wenn Roses Konstrukt zu brechen beginnt und er sich Suzanne öffnet, offenbart sich der emotionale Kern des Films: das Zusammenspiel von Sandra Hüller und Caro Braun. Hüller bringt durch ihren Ruf eine angelegte Präsenz mit, mit der sich jede*r messen lassen muss. Ihre große Stärke, sich eine Figur einzuverleiben, zeitgleich sich aber nicht in den Vordergrund zu spielen, öffnet Räume, die Caro Braun zu nutzen weiß. Vorher als Theaterschauspielerin tätig, gibt sie in „Rose“ ein starkes Spielfilmdebüt. 

    Kameramann Gerald Kerkletz, der mit Schleinzer auch in seinen beiden vorherigen Filmen „Michael“ und „Angelo“ zusammengearbeitet hat, kreiert für „Rose“ einen einprägsamen Schwarz-weiß-Look mit satten Grautönen und starken Kontrasten. Die Kamera steht oft still, wahrt jene Distanz, die Rose von ihren Mitmenschen einfordert. In Erinnerung bleibt die arrangierte Hochzeit von Großbauertochter Suzanna und Rose. Die Kamera beobachtet die Zeremonie aus der Ferne, sodass die Kirche gut erkennbar, die Töne dumpf hörbar, aber die Menschen nicht identifizierbar sind. 

    Plagiatsvorwürfe und verschenktes Potenzial

    Roses Geschichte basiert auf Überlieferungen von Frauen, die sich als Männer ausgaben, um sich bessere Lebensumstände zu ermöglichen. So zumindest beschreiben mehrere während des Produktionsprozesses publizierte Artikel die historischen Vorbilder des Films. Die Darstellung bröckelt nun gewaltig, nachdem Autorin Angela Steidele einen Gastbeitrag für die FAZ verfasst hat, in dem sie dem österreichischen Regisseur Schleinzer vorwirft, ohne Rückfrage Inhalte aus ihrer Biografie „In Männerkleidern – Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721“ und ihren Roman „Rosenstengel“ übernommen zu haben. 

    Steideles Ausführungen lassen „Rose“ wesentlich konservativer wirken, als es anfangs scheint. Ihr größter Kritikpunkt am Film selbst ist, dass er „die atemberaubende Originalstory verstümmelt“, denn: Rosenstengels Geschlecht sei bei weitem fluider als im Film dargestellt, die beiden Verheirateten führten eine Liebesbeziehung und keine Zweckgemeinschaft, und die Strafen seien historisch inakkurat, da sie zu hart ausfielen. Ja, Rosenstengel wurde hingerichtet, aber die Argumente, welche Rose während des Prozesses vorgeworfen werden, hätten historisch kaum für eine Hinrichtung gereicht, argumentiert Steidele. Zudem wurde die historische Suzanna zu Zuchthaus und nicht zum Tod verurteilt. 

    „Rose“ steht in seiner Auflösung queeren Filmen aus dem 20. Jahrhundert vor dem New Queer Cinema nahe. Ein glückliches Ende kann es nicht geben. Selbst wenn die vermeintliche Vorlage Raum für eine gnädigere Auflösung bietet. Wenn der Film die Einschreibung einer inakkuraten, vor allem brutaleren Geschichte unternimmt, den Frauen den sicheren Tod zuschreibt, läuft er Gefahr, im schlimmsten Fall sogar zu schaden

    Diese Kritik erschien im Rahmen des Filmkritik Workshops, des Lichter Filmfest Frankfurt International 2026.

    Abenteuer Animation Berlinale Berlinale 2025 Biopic Deutsches Kino Doku Drama Fantasy Festivalberichterstattung Filme Filmfest Hamburg Filmfestival Filmfest München FILMZ Geschichte Horror Kino Komödie Krimi Kurzfilm Lichter Filmfest Frankfurt International Liebe Locarno Filmfestival Miniserie Musik Mystery Neo-Noir Psychothriller Romanze Satire Sci-Fi Serie Streaming Thriller Wahre Begebenheiten

  • Jahresrückblick 2025 | Leon 

    Jahresrückblick 2025 | Leon 

    Bild: © Two Seasons, Two Strangers Production / The Fool / Bitters End

    Das Kinojahr 2025 ist vorbei und für mich bleibt ein etwas ernüchterter Blick zurück. Ich habe mich in diesem Jahr eher auf ältere Filme (und meine Bachelorarbeit) konzentriert, weshalb ich weniger gesehen habe als gewöhnlich. Listenkandidaten wie „One Battle After Another“ oder „Sentimental Value“ blieben mir bisher verwehrt – Filme wie „Bugonia“ und „Ein einfacher Unfall“ haben mich leider enttäuscht.  

    Es verbleiben fünf Filme, die in für mich aktiveren Kinojahren teilweise auch auf einer Geheimtipp-Liste hätten landen können. Diese sollen nun hier gebührend Erwähnung finden! Achtung: Manche Filme haben ihren Kinostart erst 2026 oder suchen noch einen Verleih.

    Unter den Filmen finden sich zwei weitere Top-Listen: Eine mit Lang- und eine mit Kurzfilmen, die ich 2025 entdeckt habe. Wirf auch dort gerne einen Blick hinein!

    Ich blicke hinaus auf ein ereignisreicheres 2026 – für meinen Letterboxd-Account, aber auch für Cinescaped!   

    1. „The Mastermind“  

    Bild: © Mubi

    Mein Liebling aus diesem Jahr! Josh O’Conner spielt das, was er am besten spielt: Einen Drifter auf der Suche nach etwas – in diesem Fall etwas nicht Vorhandenem. Kelly Reichardt inszeniert hier einen Slow-Heist-Film, der seine eigenen Strukturen nach und nach auflöst.  

    2. „Eight Postcards from Utopia“ 

    Bild: © Heretic

    Hochinteressante Found-Footage-Dokumentation von Radu Jude und Christian Ferencz-Flatz, bestehend aus Werbeclips aus dem postsozialistischen Rumänien. In acht Kategorien aufgeteilt, offenbart der Film in den Kapitalismus gesetzte Hoffnungen, die heute (und wohl auch damals) absurd wirken. André Pitz schrieb passend in seiner Review: „Es wird suggeriert: Der Mensch ist nur, wenn er konsumiert.“ 

    3. „Do You Love Me?“

    Bild: © Lightdox / Films de Force Majeure / My Little Films / Wood Water Films

    Von Lana Daher kuratierte audiovisuelle Reise durch 70 Jahre libanesische Geschichte. Beim Q&A auf dem Filmfest Hamburg erzählte einer der Produzenten, dass Daher erst durch den Film erkannt habe, dass sie in einem Kriegsgebiet aufgewachsen ist. Die Spuren haben sich im Material verewigt. 

    4. „Kontinental 25‘“

    Bild: © Grandfilm

    Moralische Abgründe à la Radu Jude. Über eine Gerichtsvollzieherin (Eszter Tompa), die nach dem Selbstmord eines Obdachlosen, an dem sie eine Teilschuld trägt, verzweifelt versucht ihr Gewissen reinzuwaschen. Judes Satire wird begleitet von einem für ihn charakterisierenden Internet-Humor. Sidenote: In einer Bar hängt ein „Kuhle Wampe: oder Wem gehört die Welt?“-Poster! Über den Film habe ich im Sommer meine Bachelorarbeit geschrieben und zur Zensurgeschichte des Films erscheint demnächst ein Artikel. 

    5. „Two Seasons, Two Strangers“ 

    Bild: © Two Seasons, Two Strangers Production / The Fool / Bitters End

    Ein Film-in-Film: Regisseur Shô Miyake untersucht in zwei Episoden die Beziehungen von Fremden, die an unterschiedlichen Orten und Jahreszeiten aufeinandertreffen. Im Fokus stehen dabei nicht nur die Jahreszeiten Sommer und Winter, sondern auch die Elemente Wasser und Eis. Herausgekommen ist ein ruhiger, minimalistischer und angenehm zu schauender Film. 

    Alte Neu-Entdeckungen

    1. The Strange Case of Angelica (2010)
    2. High and Low (1963)
    3. Blow Out (1981)
    4. Once (2007)
    5. Jacquot de Nantes (1991)
    6. Mishima – Life in Four Chapters (1985)
    7. Deep Red (1975)
    8. The Bitter Stems (1956)
    9. Fargo (1996)
    10. Le Circle Rouge (1970)

    Kurzfilm-Entdeckungen

    1. Lloyd Wong, Unfinished (2025)
    2. Der Ausdruck der Hände (1997)
    3. Buba (1930)
    4. Castle of Otranto (1977)
    5. Roulement, rouerie, aubage (1978)
    6. Podwórka (2009)
    7. Nr. 1 – Aus Berichten der Wach- und Patrouillendienste (1985)
    8. The Exquisite Corpus (2015)
    9. Chess Fever (1925)
    10. New York Portrait, Chapter II (1981)

    Abenteuer Animation Berlinale Berlinale 2025 Biopic Deutsches Kino Doku Drama Fantasy Festivalberichterstattung Filme Filmfest Hamburg Filmfestival Filmfest München FILMZ Geschichte Horror Kino Komödie Krimi Kurzfilm Lichter Filmfest Frankfurt International Liebe Locarno Filmfestival Miniserie Musik Mystery Neo-Noir Psychothriller Romanze Satire Sci-Fi Serie Streaming Thriller Wahre Begebenheiten

  • „Lurker“ (2025) – Filmkritik: Wenn Fan-Sein zur Obsession wird

    „Lurker“ (2025) – Filmkritik: Wenn Fan-Sein zur Obsession wird

    Bild: © Universal Pictures International Germany

    Théodore Pellerin und Archie Madekwe glänzen in Alex Russells Regiedebüt – Ein Psychothriller über Ruhm, Anerkennung und soziale Hierarchien

    Der junge Matthew (Théodore Pellerin) arbeitet in einem Bekleidungsladen, wo er auf den angehenden Popstar Oliver (Archie Madekwe) trifft. Mit einer scheinbar unbedeutenden Geste zieht er Olivers Aufmerksamkeit auf sich – und gewinnt ihn für sich. Oliver nimmt Matthew in seinen inneren Kreis auf. Matthew genießt diesen besonderen Status in Olivers Entourage, bis er merkt, dass er gar nicht so besonders ist, wie er dachte und eben doch austauschbar ist.


    Zu Beginn erweckt „Lurker“ den Eindruck eines leichten Dramas über eine ungleiche Freundschaft – vielleicht sogar einer schwulen Liebesgeschichte. Stattdessen entfaltet sich eine tiefgründige Charakterstudie über Star und Fan.


    Oliver lebt in einer Blase aus Ja-Sagern, die ihm genau das geben, was er hören und sehen will. Eine klare soziale Hierarchie bestimmt sein Umfeld. Für seine Fans und seine Entourage ist er „jemand“ – bewundert, beachtet, unantastbar. In diese Welt tritt Matthew, der vermeintlich naive Außenseiter, der jedoch genau weiß, wie er Oliver beeindrucken kann. Was anfangs wie eine authentische Freundschaft wirkt, wird bald zu einem manipulativen Spiel um Einfluss und Status.


    Hier zeigt sich das zentrale Thema des Films: Menschen wollen gesehen werden. Und manche gehen dafür weit – um bestimmten Menschen zu gefallen, um zu bestimmten Bubbles zu gehören. Ein gewisses Ansehen, eine gewisse Sinnhaftigkeit zu genießen, weil sie sich dann wie „jemand“ fühlen. Weil sie sich dann so fühlen, als wären sie etwas Besonderes. Matthews Streben nach Anerkennung spiegelt sich in Olivers Selbstinszenierung als gefeierter Künstler wider, der seine Bestätigung aus der Bewunderung seiner Fans zieht.

    Mit seinem cleveren Drehbuch und einer inszenatorischen Finesse, dem wiederholten Spiel mit Meta-Perspektiven, entwickelt der Film eine düstere Sogwirkung mit erfrischend kreativen Kniffen. Der Plot ist nicht so leicht zu durchschauen und hält einen konstant neugierig. Besonders hervorzuheben ist der raffinierte Einsatz der Kamera, die eine zusätzliche narrative Ebene eröffnet, die unter anderem Matthews Blick auf die Welt und seine wachsende Obsession spürbar macht.


    Nicht zuletzt sorgt das überragend nuancierte Schauspiel von Théodore Pellerin und Archie Madekwe in den Hauptrollen, wie auch das stimmige Spiel des gesamten Casts, dafür, dass wir mit den Figuren mitfühlen, mitfiebern, leiden und rätseln.


    So entfaltet sich ein spannender, verstörender Psychothriller, dessen zynisches Ende voller schwarzem Humor noch lange nachhallt. Subtil, aber konsequent, spiegelt der Film die Einsamkeit, fehlende Selbstwirksamkeit, mangelnde Reflektionsfähigkeit und Orientierungslosigkeit unserer Gesellschaft in der Social-Media-Ära wider. Man sehnt sich augenscheinlich nach Ehrlichkeit und Authentizität, sieht sich dieser dann doch nicht gewachsen und flüchtet sich in oberflächliche Verbindungen.


    Tonal bewegt sich der Film geschickt zwischen Indie-Ästhetik, stylischen Bildern und bewusstem Cringe. Doch nicht nur das: Der Film ist auch ein scharfsinniger Kommentar über Stardom, blindem Fan-Sein, die Musikindustrie, Selbstbild und künstlerische Wahrheit – über das, was wir verkaufen und wie wir es verkaufen.

    Gesehen im Rahmen der Berlinale 2025 in der Sektion Berlinale Special Gala.

    Bewertung: 9/10 ♥️

    Abenteuer Animation Berlinale Berlinale 2025 Biopic Deutsches Kino Doku Drama Fantasy Festivalberichterstattung Filme Filmfest Hamburg Filmfestival Filmfest München FILMZ Geschichte Horror Kino Komödie Krimi Kurzfilm Lichter Filmfest Frankfurt International Liebe Locarno Filmfestival Miniserie Musik Mystery Neo-Noir Psychothriller Romanze Satire Sci-Fi Serie Streaming Thriller Wahre Begebenheiten

  • Highlights & Lowlights – Locarno Filmfestival 2025

    Highlights & Lowlights – Locarno Filmfestival 2025

    Bild: Pressekonferenz von Yakushima’s Illusion © Melanie Eckert

    Ein kurzer Überblick über meine persönlichen Festivalhöhepunkte, erste Impressionen und besondere Erlebnisse bei der 78. Ausgabe des Locarno Filmfestivals. Der ausführliche Festivalbericht – inklusive Reiseerlebnis – folgt.

    Nach dem Filmfest München ging es für mich im Sommer direkt weiter nach Locarno in die italienischsprachige Schweiz – für mich eine Premiere in doppelter Hinsicht: Es war mein erstes Filmfestival außerhalb Deutschlands – und zugleich mein erster Aufenthalt in der Schweiz. Am Lago Maggiore liegend versprüht dieser Festivalort ganz selbstverständlich mediterrane Urlaubsvibes, die die Festival-Saison im Sommer zu etwas Besonderem machen.

    Zwischen spätabendlichen Open-Air-Kinovorstellungen auf der Piazza Grande und erfrischenden Badeerlebnissen im See findet man Abkühlung vor allem in den klimatisierten Kinosälen der Kleinstadt Locarnos, die nicht selten in ungewöhnlichen Gebäuden untergebracht sind, etwa in einer Kantonschule oder einem Casino. Das Festivalprogramm lud jedoch alles andere als zum Abschalten ein. Das Locarno Filmfestival ist bekannt für seine Vorliebe für anspruchsvolles Autorenkino – ein Profil, das sich auch im diesjährigen Programm deutlich widerspiegelte: mit einer Reihe politischer, gesellschaftskritischer Arthousefilme und einer Vielzahl experimentellerer Filme.

    Highlights – Features

    • Grünes Licht | 9/10
    • Peeping Tom | 9/10 ♥️
    • Don’t Let The Sun | 8/10 ♥️
    • Olivia | 8/10 ♥️
    • Cowboy | 8/10 ♥️
    • Hijo Mayor | 8/10 ♥️
    • Yakushima’s Illusion | 8/10 ♥️
    • Hair, Paper, Water… | 8/10
    • Two Seasons, Two Strangers | 7/10

    Bild: © Letterboxd / @hungrylikeafox

    Highlights – Shorts

    • Hunting | 10/10 ♥️
    • L’Avant-Poste 21 | 10/10 ♥️
    • Honey, My Love, So Sweet | 8/10 ♥️
    • Hyena | 8/10 ♥️
    • Primary Education | 8/10 ♥️
    • Once in a Body | 7/10
    • Still Playing | 7/10
    • Eldorado | 7/10

    Lowlights

    Auch Filme, die mich weniger überzeugen konnten, gehören zu einer ehrlichen Festivalbilanz dazu. Mit Kiss of the Spider Woman und Rosemead finden sich hier zwei Titel, die deutlich unter meinen Erwartungen blieben und mich in ihrer Inszenierung besonders enttäuschten: Auf dem Papier schienen einige vielversprechende Zutaten vorhanden zu sein, in der Umsetzung ergab sich für mich jedoch kein rundes Gesamtbild. Schade.

    • Mare’s Nest | 1/10
    • The Plant from the Canaries | 4/10
    • Affection Affection | 4/10
    • Kiss of the Spider Woman | 4/10
    • Becoming | 5/10
    • Rosemead | 6/10

    Fazit

    Für mich war das Locarno Filmfestival definitiv eine besondere Erfahrung – nicht zuletzt wegen der außergewöhnlichen Akkreditierungserfahrung inmitten von Wasser und Bergen, die anspruchsvolles Kino mit idyllisch leichter Atmosphäre vereint.

    Trotz einzelner filmischer Lichtblicke empfand ich das Gesamtprogramm jedoch als eher durchwachsen – eine Einschätzung, die sich auch in Gesprächen mit erfahrenen Festivalkolleg*innen mehrfach bestätigte.

    Abenteuer Animation Berlinale Berlinale 2025 Biopic Deutsches Kino Doku Drama Fantasy Festivalberichterstattung Filme Filmfest Hamburg Filmfestival Filmfest München FILMZ Geschichte Horror Kino Komödie Krimi Kurzfilm Lichter Filmfest Frankfurt International Liebe Locarno Filmfestival Miniserie Musik Mystery Neo-Noir Psychothriller Romanze Satire Sci-Fi Serie Streaming Thriller Wahre Begebenheiten

  • „Rave On“ (2025) – Warum wir bleiben, wenn wir längst gehen sollten

    „Rave On“ (2025) – Warum wir bleiben, wenn wir längst gehen sollten

    Bild: © Weltkino

    Eine essayistische Filmkritik über Techno, Drogen, Eskapismus, Quarterlife Crisis und die Sehnsucht nach Verbindung – in der Berliner Clubkultur

    Eine Nacht, ein Rausch, ein Rave.

    In Rave On“ (Regie & Drehbuch: Viktor Jakovleski & Nikias Chryssos) wird nicht viel erklärt, sondern vielmehr erlebt. Wer hier eine stringente Handlung erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Denn dieser Film funktioniert eher wie eine ausufernde Clubnacht: chaotisch, atmosphärisch, treibend, manchmal bewusstseinsverändernd, manchmal einfach nur anstrengend – aber irgendwie trotzdem aufregend und vor allem ehrlich in seiner vermeintlichen Inhaltslosigkeit.

    Im Zentrum steht Kosmo (Aaron Altaras), einst gefeierter DJ, heute Produzent, eher Beobachter seiner selbst. Sein Plan für den Abend ist schlicht, fast naiv: Er will seinem Idol Troy Porter (Jamal Moss aka Hieroglyphic Being) in seinem alten Lieblingsclub in Berlin seine neue Platte persönlich überreichen – ein letzter Versuch, einen Traum zu retten, der Jahre zuvor in genau diesem Club zerbrach. Was als relativ simpler Plan beginnt, entgleitet ihm schnell und verwandelt sich in einen fiebrigen Trip, in dem Realität und Rausch, Nostalgie und Ernüchterung miteinander verschwimmen.

    Rave On“ fühlt sich an wie ein durchtanzter Fiebertraum, der sich manchmal zieht, dann wieder beschleunigt, der sich in Stroboskoplicht auflöst und sich irgendwo zwischen Ekstase und Selbstverlust verflüssigt. Man kann ihn nicht kontrollieren. Man muss sich ihm hingeben – oder draußen bleiben.

    Die Dialoge wirken lebendig, ungefiltert, beiläufig – erstaunlich realistisch. Sie klingen selten nach „Film“, sondern eher wie die Gespräche, die man um fünf Uhr morgens an irgendeiner Bar führt – mal ehrlich, mal tiefgründig, mal belanglos, mal benebelt, aber für einen kurzen Moment verstanden.

    Das Schauspiel – allen voran Aaron Altaras – ist so nuanciert und unmittelbar, dass man die Figur Kosmo fast körperlich fühlen kann. Seine Entschlossenheit. Seine Unsicherheit. Seine Sehnsucht. Sein Stolpern. Sein Straucheln. Sein verzweifeltes Festhalten an einer Vision, die schon beim Betreten des Clubs zum Scheitern verurteilt scheint. Altaras’ bemerkenswerte Intensität und Leichtigkeit im Spiel tragen den Film und machen ihn greifbar. Weil man ihm glaubt. Weil man spürt, dass er etwas sucht – vielleicht Bestätigung, vielleicht Anschluss, vielleicht einfach nur ein kurzer Moment der Wärme.

    Kosmo will eigentlich nichts nehmen, will clean bleiben. Doch der Widerstand hält nur so lange, bis ihn die Nacht und ihre Versuchungen einholen. LSD, Speed, Hasch, Keta – der Cocktail wirkt. Nicht zuletzt durch Kamera-, Bild- und Toneffekte kann man förmlich spüren, wie sich die Wahrnehmung mit jeder Substanz verschiebt. Nicht überinszeniert, nicht bagatellisiert – authentisch. Der Geruch von triefendem Schweiß, ein klebriger Clubboden, bekannte Gesichter, pure Reizüberflutung. Einst Kosmos Zuhause, wirkt die Berliner Technoszene auf ihn heute eher fremd: weniger subversiver Rückzugsraum als ästhetisierte Scheinfreiheit, Fake-Deep-Talks, aber auch Momente echter Achtsamkeit und aufrichtiger Menschlichkeit.

    Film als Vibe & Kommentar Der Club als Spiegel der Gesellschaft

    Die Berliner Technoszene wird hier nicht verklärt, sondern gespiegelt. Es geht weniger um Musik als um Vibe und Style. Eine Clubnacht wird zur Sinnsuche, zum Fiebertraum zwischen Awareness-Raum und Keta-Überdosis, zwischen spirituellem Palaver und echter Verbundenheit, zwischen Zigaretten nach dem Sex und einem Schulterklopfen von Fremden, das mehr Trost spendet als das Hochgefühl auf dem Dancefloor.

    Ja, „Rave On“ hat wenig Plot. Aber genau das macht ihn so treffend. Wie eine echte Partynacht ist er weniger narrativ als atmosphärisch. Rhythmisch, synthetisch, hypnotisch, repetitiv – wie der Sound, den er einfängt. Man wandert von Raum zu Raum, verliert das Zeitgefühl, verliert die Orientierung, verliert irgendwann die eigenen Grenzen. Und am Morgen kommt die Hangxiety, der Comedown, die Leere – aber auch das eigenartige Gefühl, etwas erlebt zu haben, das nur in dieser diffusen Zwischenwelt möglich war.

    Da sind wir bei den Fragen, die der Film nur andeutet, aber nie direkt ausspricht – zur Mechanik hinter dem Rausch:

    Warum konsumieren wir eigentlich? Warum können wir nicht aufhören, wenn genug ist? Ballern weiter, trinken weiter… bis zum Blackout? Warum bleiben wir noch ein bisschen, wenn wir längst zu müde sind, draußen die Sonne schon aufgeht, der erste Bus wieder fährt?

    Ist es wirklich FOMO? Haben wir wirklich Angst, etwas zu verpassen oder ist es die Gier nach mehr? Und nein, nicht unbedingt die Gier im eigentlichen Sinne, kein reiner Hedonismus, sondern eher die Neugier, die einen antreibt, vielleicht eben doch noch zu bleiben? In der leisen Hoffnung, dass doch noch irgendetwas passiert? Etwas von Bedeutung? Etwas, das uns länger vom Alltag entfliehen lässt?

    Techno wird hier zur Metapher für Gier, Neugier, Selbstverlust – und das Bedürfnis, sich aufzulösen und gleichzeitig wiederzufinden.

    Der Film verharmlost Drogen nicht. Er entzaubert sie. Zeigt, wie leer das Versprechen dahinter ist. Wie fragil das Glück. Wie schnell man im Awareness-Raum landet, ohne sich an den Weg dorthin zu erinnern. Und wie viele Menschen in diesen Nächten eigentlich nach Verbindung suchen, nicht nach Ekstase.

    Freiheit & Privileg – die männliche Perspektive

    Man könnte fragen: Braucht es wirklich wieder einen männlichen Protagonisten in seiner Quarterlife Crisis?
    In diesem Fall: ja. Denn ein solcher Film funktioniert gerade deshalb, weil er zeigt, wie unbedarft, kopflos und frei ein Mann sich allein (!) in dieser Nacht treiben lassen kann – ohne Angst vor Übergriffen, ohne ständiges Kontrollieren der eigenen Grenzen. Eine weiblich gelesene Figur hätte diese Nacht nicht so selbstverständlich derart sorglos erleben können – und das ist keine Moralkeule, sondern Realität. Die Naivität, die Freiheit, die Unachtsamkeit des männlichen Protagonisten – das ist ein Privileg.

    Zeitgeist, Rausch & Realitäten

    Gleichzeitig spiegelt „Rave On“ auch unsere Gegenwart wider. Die Annahme, Gen Z würde kaum noch trinken – „Enthaltsamkeit ist der neue Rausch“ – scheint eine andere Realität auszublenden. Denn Perspektivlosigkeit, Angstzustände, Depression und Stress sind in dieser Generation präsent wie kaum zuvor. Es wäre naiv zu glauben, dass sie deshalb komplett enthaltsam lebt. Die Rauschmittel verändern sich, nicht jedoch der Wunsch nach Rausch. Der Wunsch nach einem kurzen Ausweg aus einer Welt, die zu laut, zu schnell, zu überwältigend ist.

    Der Film wird in seinen besten Momenten zu einem Spiegel dieser Lebenswelten. Man kann auch völlig nüchtern auf einem Rave sein und trotzdem oder gerade deswegen die unschönen Seiten und unangenehmen Wahrheiten der aktuellen Partykultur sehen, oder eben seine Augen davor verschließen und so tun, als hätte man diese Parallelwelt nie gesehen. Denn richtig, sich etwas vorzumachen, ist auch eine Form der Realitätsflucht, nur eben eine kontrolliertere und bewusstere.

    Rave On“ ist weder moralische Abrechnung noch verherrlichender Partyfilm. Er ist ein ungeschöntes Porträt einer Berliner Clubnacht – ein Rauschfilm ohne Romantisierung, ein Vibe-Film ohne Pose.

    Wer sich darauf einlässt, wird eine ehrliche, rohe, manchmal anstrengende, manchmal faszinierende Erfahrung machen – wie eine Nacht, die nicht unbedingt gut war, aber erkenntnisreich.
    Eine Nacht, die man teils bereut und gleichzeitig schätzt, weil man irgendwie froh ist, dabei gewesen zu sein.

    In diesem Sinne: Rave on – but be aware of the K-hole.

    Gesehen im Rahmen des Filmfest München 2025 in der Sektion Neues Deutsches Kino

    Bewertung: 7/10

    Abenteuer Animation Berlinale Berlinale 2025 Biopic Deutsches Kino Doku Drama Fantasy Festivalberichterstattung Filme Filmfest Hamburg Filmfestival Filmfest München FILMZ Geschichte Horror Kino Komödie Krimi Kurzfilm Lichter Filmfest Frankfurt International Liebe Locarno Filmfestival Miniserie Musik Mystery Neo-Noir Psychothriller Romanze Satire Sci-Fi Serie Streaming Thriller Wahre Begebenheiten

  • „Islands“ (2025) – Filmkritik: Slow-Burn Mystery-Thriller im Urlaubsgewand

    „Islands“ (2025) – Filmkritik: Slow-Burn Mystery-Thriller im Urlaubsgewand

    Bild: © Juan Sarmiento G. / 2025 augenschein Filmproduktion, LEONINE Studios

    Jan-Ole Gersters Vacation Noir setzt auf subtile Spannung, hypnotische Atmosphäre und ein rätselhaftes Beziehungsgeflecht auf Fuerteventura.

    In „Islands“ sehen wir Tennistrainer Tom (Sam Riley) bei seiner Arbeit auf der kanarischen Insel Fuerteventura. Wenn er nicht auf dem Tennisplatz ist, vertreibt er sich seine Zeit mit Partys, Alkohol und flüchtigen Affären. Bis er eines Tages die Familie Maguire kennenlernt, die ihn aus seiner Alltagsmonotomie herauszuholen scheint. Anne (Stacy Martin) möchte unbedingt Tennisstunden für ihren Sohn Anton (Dylan Torrell) bei Tom buchen und freundet sich mit ihm an. Tom versteht sich auf Anhieb gut mit Anne, ihrem Mann Dave (Jack Farthing) und dem kleinen Anton und führt die Familie auf der Insel herum. Doch die Idylle trügt: Spannungen zwischen Anne und Dave werden immer spürbarer und plötzlich verschwindet Dave spurlos. Anne und Tom werden verdächtigt, etwas mit dem Verschwinden zu tun zu haben.


    „Islands“ ist ein Paradebeispiel für meisterhaftes Slow-Burn-Kino. Ein Vacation Noir, der mit faszinierenden Bildkompositionen und einer dichten, geheimnisvollen Atmosphäre fesseln kann – ähnlich wie „Burning“ (2018) oder die Serie „Ripley“ (2024). Natürlich weckt der Film auch Assoziationen an „Der talentierte Mr. Ripley“ (1999) – allein durch die Dreier-Figuren-Konstellation und das Urlaubs-Setting.

    Stilistisch erinnert der Film allerdings weit stärker an die Serie „Ripley“, insbesondere in der statischen, perfekt komponierten Bildsprache, die eine trügerische Harmonie ausstrahlt bis kleine Unruhemomente diese Ordnung brechen und Unbehagen erzeugen. Dieser visuelle Stil weist auch Parallelen zu Yorgos Lanthimos auf, der mit seinen fotografisch anmutenden, beinahe triptychonartigen Kompositionen ein ähnliches Spannungsverhältnis schafft.

    Doch „Islands“ funktioniert nicht nur über seine hypnotischen Bilder. Es ist das langsame Erzähltempo, das seine eigene Sogkraft entfalten kann. Der Film packt dabei nicht mit klassischen Thriller-Mechanismen, sondern zieht durch eine stetige, schleichende Ungewissheit seine Zuschauer*innen in seinen Bann.

    Wer sich darauf einlässt, wird in einen rätselhaften Strudel aus Andeutungen und latenter Bedrohung gezogen, was wiederum an „Burning“ erinnert.

    Sam Rileys Schauspiel ist so facettenreich in seiner Subtilität, dass das, was durch Mimik oder Gestik transportiert wird, oft mehr sagt als die gesprochenen Worte allein.

    So entsteht ein Mystery-Crime-Film, der viel Raum für unterschiedliche Interpretationen und Lesarten lässt.

    Für mich ist es ein Film über verpasste Chancen, Verantwortung, Verpflichtung, Freiheit und die eigene Sinnhaftigkeit.

    Gesehen im Rahmen der Berlinale 2025 in der Sektion Berlinale Special Gala.

    Bewertung: 8/10 ♥️

    Ausschnitt von Melanie aus der Pressekonferenz zu Islands vom 16.02.2025

    Abenteuer Animation Berlinale Berlinale 2025 Biopic Deutsches Kino Doku Drama Fantasy Festivalberichterstattung Filme Filmfest Hamburg Filmfestival Filmfest München FILMZ Geschichte Horror Kino Komödie Krimi Kurzfilm Lichter Filmfest Frankfurt International Liebe Locarno Filmfestival Miniserie Musik Mystery Neo-Noir Psychothriller Romanze Satire Sci-Fi Serie Streaming Thriller Wahre Begebenheiten

  • „A Thousand and One“ (2023) – Filmkritik: Ein bewegendes Sozialdrama über Identität, Gentrifizierung und Mutterliebe

    „A Thousand and One“ (2023) – Filmkritik: Ein bewegendes Sozialdrama über Identität, Gentrifizierung und Mutterliebe

    Bild: (c)Universal Pictures / Focus Features, eOne Features, LLC

    Ein kraftvolles Regiedebüt von A.V. RockwellTeyana Taylor brilliert in einer authentischen Geschichte über Kampf, Hoffnung und die Schattenseiten New Yorks.

    New York City, 1994: Die obdachlose Inez (Teyana Taylor) kehrt von einem Gefängnisaufenthalt zurück in die Straßen Brooklyns und versucht sich als Friseurin durchzuschlagen. Als sie mitbekommt, dass sich ihr 6-jähriger Sohn Terry (Aaron Kingsley Adetola), nach dem Versuch aus seiner Pflegefamilie auszubrechen, verletzt im Krankenhaus befindet, beschließt die unerschrockene Inez ihren Sohn zu entführen. Gemeinsam gelingt es ihnen, sich ein neues, gutes Leben aufzubauen, bis ihr Geheimnis aufzufliegen droht.

    „I’ll go to war for you, you know that? Against anybody. Against this whole fucked-up city.“ 

    A Thousand and One (2023) ist ein Film über Mutter und Sohn auf der Suche nach Identität & Stabilität in einer Welt voller Armut, Rassismus & systemischer Diskriminierung

    Mit starken, lebendigen Bildern der sich wandelnden, gentrifizierenden Stadt New York Citys, einem eindrucksvoll atmosphärischem Score und einem großartigen Schauspiel des gesamten Casts, überzeugt der Film mit dem Realismus seiner Bilder, übt damit beobachtend seine eindringliche Kritik an Politik und Gesellschaft. 

    Der unermüdliche Kampf der Mutter Inez, ihrem Kind unter allen Umständen eine Zukunft zu ermöglichen, die ihr selbst aufgrund ihrer Herkunft und Biographie verwehrt geblieben ist, berührt dank der hervorragend nuancierten Performance Teyana Taylors.

    „Look. I don’t know what the fuck to tell you, T. But there’s more to life than fucked-up beginnings.“ 

    Der Film schafft eine Form der Authentizität, die über erzählstrukturelle Lücken und Längen hinwegsehen lässt, da sie sich trotz episodenartigen Aufbaus organisch nachvollziehbar zu einem stimmigen Mosaik zusammenfügen

    Nur zurecht wurde das Debüt (!!) der afroamerikanischen Regisseurin und Drehbuchautorin A.V. Rockwell, die selbst in Queens, New York geboren und aufgewachsen ist, mit dem Hauptpreis der Jury auf dem Sundance-Festival prämiert.

    Bewertung: 8/10 ♥️

    Abenteuer Animation Berlinale Berlinale 2025 Biopic Deutsches Kino Doku Drama Fantasy Festivalberichterstattung Filme Filmfest Hamburg Filmfestival Filmfest München FILMZ Geschichte Horror Kino Komödie Krimi Kurzfilm Lichter Filmfest Frankfurt International Liebe Locarno Filmfestival Miniserie Musik Mystery Neo-Noir Psychothriller Romanze Satire Sci-Fi Serie Streaming Thriller Wahre Begebenheiten

  • „Yannick“ (2023) – Filmkritik: Quentin Dupieux’ clevere Gesellschaftssatire über Kunst, Elitismus und die Macht des Zuhörens

    „Yannick“ (2023) – Filmkritik: Quentin Dupieux’ clevere Gesellschaftssatire über Kunst, Elitismus und die Macht des Zuhörens

    Bild: © Chi-Fou-Mi Productions, Atelier de Production

    Ein unerwarteter Theatercrash wird zur schonungslosen Reflexion über Privilegien, Empathie und den fehlenden Dialog in unserer Gesellschaft.

    Yannick“ ist viel mehr als eine böse Gesellschaftssatire, die mit den Zuschauererwartungen spielt. Ist der Film auf der Meta-Ebene sicherlich auf den ersten Blick vor allem auch als Kritik an den eingefahrenen Formen von Kunst, Intellektualismus & Elitismus zu verstehen, entfaltet das Kammerspiel in seiner kurzen Laufzeit peu à peu noch viel mehr Spielraum für Interpretationen und regt weiter Diskurse über Kunstverständnis & Konventionen an.

    Letztlich geht es tatsächlich auch genau um die titelgebende Variable Yannick – ein Mensch, ein Zuschauer, der seiner Welt kurz entfliehen möchte und im Theater nach Zuflucht und Unterhaltung sucht. Er kritisiert das Theaterstück, die Schauspieler*innen, aber vor allen Dingen die herablassende, pseudointellektuelle Attitüde dieser. Dabei hat Yannick sehr wohl auch berechtigte Punkte und gute Argumente, die für ihn sprechen. Er sei aber ja nur ein Nachtwächter, der sich extra für dieses Stück Entertainment frei genommen hat, ein „Loser“, der sich hier so derart aufspielt.
    Blöd, dass man dem Loser erst zuhört, wenn er zur „Gefahr“ für andere wird, für die doch eher privilegiertere Mehrheit.

    Genau hier liegt meiner Meinung nach die Kernaussage des Films – unserer Gesellschaft fehlt es an Dialog und der Fähigkeit anderen Menschen wirklich zuzuhören, uns für diese zu interessieren.

    Es darf uns nicht erst interessieren, wenn es uns direkt betrifft. Interesse am Gegenüber hat dabei auch viel mit Menschlichkeit und Empathie zu tun, die in unserer schnelllebigen Leistungsgesellschaft oft auf der Strecke bleiben, uns aber ja sogar auch immer persönlich bereichern können, da der Mensch ohne soziale Bindungen nun mal auch nicht (über-)leben kann. Anstatt unserem Gegenüber wirklich zuzuhören und verstehen zu wollen, warum diese Person dieser Meinung ist und dementsprechend handelt, verpassen wir die Chance etwas dazu zu lernen und eine gute Lösung zu finden, entscheiden uns dann doch lieber für die gewaltvolle/gewaltbereite Eskalation.

    Unterschätze eben nie deine Mitmenschen, dein Gegenüber! Behandele Menschen nie von oben herab. Denn es wird immer jemanden geben, der es besser weiß als du und etwas besser kann als du. Und ist es nur eine unterhaltsamere Geschichte zu erzählen…

    Bewertung: 9/10 ♥️

    Abenteuer Animation Berlinale Berlinale 2025 Biopic Deutsches Kino Doku Drama Fantasy Festivalberichterstattung Filme Filmfest Hamburg Filmfestival Filmfest München FILMZ Geschichte Horror Kino Komödie Krimi Kurzfilm Lichter Filmfest Frankfurt International Liebe Locarno Filmfestival Miniserie Musik Mystery Neo-Noir Psychothriller Romanze Satire Sci-Fi Serie Streaming Thriller Wahre Begebenheiten

  • „Das fantastische Leben des Ibelin“ (2024) – Filmkritik: Eine berührende Doku über Gaming, Gemeinschaft und digitale Unsterblichkeit

    „Das fantastische Leben des Ibelin“ (2024) – Filmkritik: Eine berührende Doku über Gaming, Gemeinschaft und digitale Unsterblichkeit

    Bild: (c) Netflix

    Benjamin Rees Dokumentarfilm erzählt die inspirierende Geschichte von Mats, dessen virtuelles Leben in „World of Warcraft“ zu einer tief bewegenden Hommage an Freundschaft, Inklusion und die Kraft digitaler Welten wird.

    Im Alter von 25 Jahren starb der Norweger Mats Steen an den Folgen der degenerativen Muskelerkrankung Duchenne. Seine Eltern betrauerten zunächst nicht nur den schmerzlichen Verlust ihres geliebten Sohnes, sondern auch das von ihnen angenommene, einsame Leben ihres Mats‘, was ihm durch seine Erkrankung die aktive Teilnahme am sozialen Leben erschwerte. So verbrachte Mats viel seiner Lebenszeit in „World of Warcraft“ (WoW). Als seine Eltern die traurige Nachricht über seinen Tod auf seinem Blog verkünden, überrollte sie eine Welle an Mitgefühl und warmen Worten von Spieler*innen aus aller Welt – engen Freund*innen ihres Sohnes, der seine Figur in WoW „Ibelin Redmoore“ nannte.

    „Dreams are nice that way. You can always visit again.“ ❤️‍🩹

    „Das fantastische Leben des Ibelin“ (2024) ist ein Dokumentarfilm des norwegischen Regisseurs Benjamin Ree. Er erzählt die berührende Geschichte eines Jungen, der aufgrund seiner Erkrankung und der damit einhergehenden Einschränkungen sich immer weiter aus dem aktiven Sozialleben zurückzog und sich in eine andere Welt flüchtete. 

    Doch für Mats war diese andere Welt in „World of Warcraft“ weniger Flucht als eine Welt der „unendlichen“ Möglichkeiten – Möglichkeiten des persönlichen Wirkens. So lernen wir Mats durch Heimvideos, Fotos und Interviews mit seiner Familie und Freund*innen, seinen persönlichen Blogeinträgen und eben seinem rekonstruierten virtuellen Leben in WoW näher kennen. 

    Hier sehen wir ein positives Beispiel der Chancen einer grenzenlosen virtuellen Realität, einer Gemeinschaft an Gamer*innen, die durch gemeinsame Abenteuer zusammengeschweißt werden, sich gegenseitig Halt geben und füreinander da sind. 

    Dabei behandelt der Film unterschiedlichste Themen wie die Frage nach dem Sinn des Lebens, der Bedeutung, die man dem beimisst, persönliche Verwirklichung, soziale Teilhabe, Inklusion, Liebe, Freundschaft, Familie, Gemeinschaftsgefühl, Anonymität und die Dynamik zwischen Nähe und Distanz im virtuellen Kontext. 

    Die Doku ist durch ihre einzigartige Geschichte, die sie auf besonders immersive, persönliche Art und Weise erzählen kann, faszinierend, herzerwärmend, traurig und hoffnungsvoll zugleich. Sie lehrt uns, vielleicht auch öfter unseren Mitmenschen und Liebsten zu sagen, dass wir sie schätzen für das, was sie uns bedeuten. Schließlich weiß man nie, wie schnell das Leben doch zu Ende gehen kann.

    Bewertung: 9/10 ♥️

    Abenteuer Animation Berlinale Berlinale 2025 Biopic Deutsches Kino Doku Drama Fantasy Festivalberichterstattung Filme Filmfest Hamburg Filmfestival Filmfest München FILMZ Geschichte Horror Kino Komödie Krimi Kurzfilm Lichter Filmfest Frankfurt International Liebe Locarno Filmfestival Miniserie Musik Mystery Neo-Noir Psychothriller Romanze Satire Sci-Fi Serie Streaming Thriller Wahre Begebenheiten

  • „Aus meiner Haut“ (2022) – Filmkritik: Ein intelligenter Sci-Fi-Liebesfilm über Identität, Körper und Selbstwahrnehmung

    „Aus meiner Haut“ (2022) – Filmkritik: Ein intelligenter Sci-Fi-Liebesfilm über Identität, Körper und Selbstwahrnehmung

    Bild:(c) X Verleih

    Wie viel trennt Körper und Geist? „Aus meiner Haut“ wirft große Fragen über Identität, Liebe und Selbstakzeptanz auf – in einer faszinierenden Mischung aus magischem Realismus und emotionaler Tiefe.

    „Aus meiner Haut“ ist kein komplizierter, verschachtelter Mysteryfilm, wenngleich er sich Elementen des magischen Realismus bedient, welche das komplexe Beziehungskonstrukt unserer beiden Hauptprotagonisten, Tristan (Jonas Dassler) und Leyla (Mala Emde), zum Wanken bringen.
    Dabei geht es hier eigentlich gar nicht unbedingt primär um die Beziehung zwischen Tristan und Leyla, sondern letztlich viel mehr um die Beziehung zu sich selbst und seinem Körper, allen voran der Frage, ob Körper und Geist getrennt oder als Einheit betrachtet werden sollten.

    Kann ein kranker, gebeutelter Körper auch den Geist krank machen oder ist es gar andersherum? Eine Frage mit der sich z. B. auch die Psychosomatik bereits in der Medizin immer häufiger auseinandersetzt, schließlich macht die mentale Gesundheit einiges an der ganzheitlichen körperlichen Gesundheit eines Menschen aus.

    Zwar erfahren wir im Verlauf des Films nur wenig über die Vergangenheit von Leyla und Tristan, dem vorliegenden Trauma und den Gründen der Depression Leylas, was für mich aber gerade die Stärke dieses Films ausmacht.

    Denn wie oft beantwortet man die Frage „Wie geht’s dir?“ eigentlich wahrheitsgemäß? Mal antwortet man aus Höflichkeit unehrlich, mal aus Schamgefühl, weil man den anderen nicht damit belasten will oder aus Selbstschutz, um sich nicht weiter damit auseinandersetzen zu müssen.
    Wie oft nehmen wir uns denn wirklich mal die Zeit, in uns hineinzuhorchen und zu ergründen wie es uns ergeht?

    Und wie soll eine außenstehende Person verstehen können, was man selbst gerade fühlt, wie man sich gerade fühlt, wenn diese so etwas noch nicht erlebt hat – eben nicht in deinem Körper steckt. Das muss sich auch Leyla gedacht haben, nachdem Tristan sie fragt „Geht es dir denn wirklich so schlecht?“

    Leyla fühlt sich anfangs gefangen im eigenen Körper, sieht das Experiment als eine Art Chance auf „Heilung“ und fühlt sich in anderen Körpern befreiter und lebendiger denn je. Im Verlauf des Films erlernt sie quasi nach und nach wieder zu leben ohne ihren schweren „Altlasten“ auf den Schultern ihres gebeutelten Körpers.

    Leylas psychischer wie körperlicher Zustand stellt ihre Beziehung zu Tristan auf die Probe. Kann man eine andere Person lieben, wenn man sich selbst nicht liebt? Verliebt man sich wirklich in den Menschen, die Persönlichkeit eines diesen oder doch viel mehr in die eigene Vorstellung dessen? Oder ist es doch das Oberflächliche eines Menschen, welches wir als Projektionsfläche nutzen?

    „Aus meiner Haut“ ist ein Film der viele Themen anreißt, einige Fässer aufmacht und in verschiedenste Gewässer mit seinen Fußspitzen eintaucht, um in erster Linie zum Nachdenken anzuregen. Dabei muss er nicht alles aussprechen, weiter konkretisieren oder ausmalen, darin liegt viel mehr die Stärke wie auch Freiheit des filmischen Gedankenexperiments.

    Hier wird nicht geurteilt oder vermessen etwas behauptet, nicht stigmatisiert oder bewertet – es liegt alles im Auge des Betrachters, der Perspektive, die man einzunehmen vermag.

    Der Film von Alex Schaad bietet viel Hirnfutter als Buffet an, wie sehr man sich daran bedient, hängt davon ab wie viel Hunger man mitbringt und wie schnell man von den Häppchen gesättigt ist.

    Wer Lust auf ein philosophisches Gedankenexperiment mit Körpertauschelementen aus „Altered Carbon“ und der mysteriösen Kommunenatmosphäre aus „Midsommar“ (ohne Horror!) hat, wird hier definitiv fündig.

    Fazit:Aus meiner Haut“ ist ein intelligenter SciFi-Liebesfilm aus Deutschland, der mit einfachen, aber cleveren, authentischen Dialogen und Wendungen äußerst erfrischend und geistig anregend auf mich wirkte. Klare Empfehlung, wer sich nach etwas zum Nachdenken sehnt!

    Bewertung: 8/10 ♥️

    Abenteuer Animation Berlinale Berlinale 2025 Biopic Deutsches Kino Doku Drama Fantasy Festivalberichterstattung Filme Filmfest Hamburg Filmfestival Filmfest München FILMZ Geschichte Horror Kino Komödie Krimi Kurzfilm Lichter Filmfest Frankfurt International Liebe Locarno Filmfestival Miniserie Musik Mystery Neo-Noir Psychothriller Romanze Satire Sci-Fi Serie Streaming Thriller Wahre Begebenheiten