© Match Factory, Piffl Medien
17. Jahrhundert, während des Dreißigjährigen Krieges: Einige Jahre hat Rose (Sandra Hüller) als männlicher Soldat gekämpft – ein Projektil, welches seine rechte Wange durchschlug, vernarbt ihn permanent. Kämpfen konnte Rose, weil er sich als Mann ausgibt und gelesen wird. Als er mit einem Erbschein ausgestattet eines Tages in ein abgelegenes Dorf kommt und einen leerstehenden Hof für sich reklamiert, reagiert die Gemeinschaft verhalten. Doch Rose möchte sich niederlassen, sich integrieren. Funktioniert sein Vorhaben zunächst, zeigt er sich spendabel und hilfsbereit, heiratet sogar, bricht seine Scheinwelt nach einem Unfall beim Imkern in sich zusammen.
Das deutsch-österreichische Historiendrama von Regisseur Markus Schleinzer will zum Diskutieren anregen. Gibt der Film Menschen, die wie Rose gelebt haben, eine Stimme? Wie verändert Rose die Geschlechterrollen (im festen binären System Mann/Frau) im Mikrokosmos protestantisches Dorf? Inwiefern kann sich Roses Ehefrau Suzanna (Caro Braun) selbst ermächtigen, wenn sie die Geschicke steuert, als sich Rose von zahlreichen Bienenstichen erholt? Und wie äußert sich die Antwort des Patriarchats, wenn es sich angegriffen fühlt? Schleinzer geht diese Fragen behutsam an, schneidet im entscheidenden Moment oft weg und füllt die Leerstellen durch Marisa Growaldt als Erzählerin aus dem Off. In poetisch anmutenden Worten überlässt sie es der Fantasie der Zuschauer*innen, jene Bilder zu füllen.
Wenn Roses Konstrukt zu brechen beginnt und er sich Suzanne öffnet, offenbart sich der emotionale Kern des Films: das Zusammenspiel von Sandra Hüller und Caro Braun. Hüller bringt durch ihren Ruf eine angelegte Präsenz mit, mit der sich jede*r messen lassen muss. Ihre große Stärke, sich eine Figur einzuverleiben, zeitgleich sich aber nicht in den Vordergrund zu spielen, öffnet Räume, die Caro Braun zu nutzen weiß. Vorher als Theaterschauspielerin tätig, gibt sie in „Rose“ ein starkes Spielfilmdebüt.
Kameramann Gerald Kerkletz, der mit Schleinzer auch in seinen beiden vorherigen Filmen „Michael“ und „Angelo“ zusammengearbeitet hat, kreiert für „Rose“ einen einprägsamen Schwarz-weiß-Look mit satten Grautönen und starken Kontrasten. Die Kamera steht oft still, wahrt jene Distanz, die Rose von ihren Mitmenschen einfordert. In Erinnerung bleibt die arrangierte Hochzeit von Großbauertochter Suzanna und Rose. Die Kamera beobachtet die Zeremonie aus der Ferne, sodass die Kirche gut erkennbar, die Töne dumpf hörbar, aber die Menschen nicht identifizierbar sind.
Plagiatsvorwürfe und verschenktes Potenzial
Roses Geschichte basiert auf Überlieferungen von Frauen, die sich als Männer ausgaben, um sich bessere Lebensumstände zu ermöglichen. So zumindest beschreiben mehrere während des Produktionsprozesses publizierte Artikel die historischen Vorbilder des Films. Die Darstellung bröckelt nun gewaltig, nachdem Autorin Angela Steidele einen Gastbeitrag für die FAZ verfasst hat, in dem sie dem österreichischen Regisseur Schleinzer vorwirft, ohne Rückfrage Inhalte aus ihrer Biografie „In Männerkleidern – Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721“ und ihren Roman „Rosenstengel“ übernommen zu haben.
Steideles Ausführungen lassen „Rose“ wesentlich konservativer wirken, als es anfangs scheint. Ihr größter Kritikpunkt am Film selbst ist, dass er „die atemberaubende Originalstory verstümmelt“, denn: Rosenstengels Geschlecht sei bei weitem fluider als im Film dargestellt, die beiden Verheirateten führten eine Liebesbeziehung und keine Zweckgemeinschaft, und die Strafen seien historisch inakkurat, da sie zu hart ausfielen. Ja, Rosenstengel wurde hingerichtet, aber die Argumente, welche Rose während des Prozesses vorgeworfen werden, hätten historisch kaum für eine Hinrichtung gereicht, argumentiert Steidele. Zudem wurde die historische Suzanna zu Zuchthaus und nicht zum Tod verurteilt.
„Rose“ steht in seiner Auflösung queeren Filmen aus dem 20. Jahrhundert vor dem New Queer Cinema nahe. Ein glückliches Ende kann es nicht geben. Selbst wenn die vermeintliche Vorlage Raum für eine gnädigere Auflösung bietet. Wenn der Film die Einschreibung einer inakkuraten, vor allem brutaleren Geschichte unternimmt, den Frauen den sicheren Tod zuschreibt, läuft er Gefahr, im schlimmsten Fall sogar zu schaden
Diese Kritik erschien im Rahmen des Filmkritik Workshops, des Lichter Filmfest Frankfurt International 2026.
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