„Lurker“ (2025) – Filmkritik: Wenn Fan-Sein zur Obsession wird

Zu sehen sind Schauspieler Archie Madekwe und Théodore Pellerin lachend Arm in Arm

Bild: © Universal Pictures International Germany

Théodore Pellerin und Archie Madekwe glänzen in Alex Russells Regiedebüt – Ein Psychothriller über Ruhm, Anerkennung und soziale Hierarchien

Der junge Matthew (Théodore Pellerin) arbeitet in einem Bekleidungsladen, wo er auf den angehenden Popstar Oliver (Archie Madekwe) trifft. Mit einer scheinbar unbedeutenden Geste zieht er Olivers Aufmerksamkeit auf sich – und gewinnt ihn für sich. Oliver nimmt Matthew in seinen inneren Kreis auf. Matthew genießt diesen besonderen Status in Olivers Entourage, bis er merkt, dass er gar nicht so besonders ist, wie er dachte und eben doch austauschbar ist.


Zu Beginn erweckt „Lurker“ den Eindruck eines leichten Dramas über eine ungleiche Freundschaft – vielleicht sogar einer schwulen Liebesgeschichte. Stattdessen entfaltet sich eine tiefgründige Charakterstudie über Star und Fan.


Oliver lebt in einer Blase aus Ja-Sagern, die ihm genau das geben, was er hören und sehen will. Eine klare soziale Hierarchie bestimmt sein Umfeld. Für seine Fans und seine Entourage ist er „jemand“ – bewundert, beachtet, unantastbar. In diese Welt tritt Matthew, der vermeintlich naive Außenseiter, der jedoch genau weiß, wie er Oliver beeindrucken kann. Was anfangs wie eine authentische Freundschaft wirkt, wird bald zu einem manipulativen Spiel um Einfluss und Status.


Hier zeigt sich das zentrale Thema des Films: Menschen wollen gesehen werden. Und manche gehen dafür weit – um bestimmten Menschen zu gefallen, um zu bestimmten Bubbles zu gehören. Ein gewisses Ansehen, eine gewisse Sinnhaftigkeit zu genießen, weil sie sich dann wie „jemand“ fühlen. Weil sie sich dann so fühlen, als wären sie etwas Besonderes. Matthews Streben nach Anerkennung spiegelt sich in Olivers Selbstinszenierung als gefeierter Künstler wider, der seine Bestätigung aus der Bewunderung seiner Fans zieht.

Mit seinem cleveren Drehbuch und einer inszenatorischen Finesse, dem wiederholten Spiel mit Meta-Perspektiven, entwickelt der Film eine düstere Sogwirkung mit erfrischend kreativen Kniffen. Der Plot ist nicht so leicht zu durchschauen und hält einen konstant neugierig. Besonders hervorzuheben ist der raffinierte Einsatz der Kamera, die eine zusätzliche narrative Ebene eröffnet, die unter anderem Matthews Blick auf die Welt und seine wachsende Obsession spürbar macht.


Nicht zuletzt sorgt das überragend nuancierte Schauspiel von Théodore Pellerin und Archie Madekwe in den Hauptrollen, wie auch das stimmige Spiel des gesamten Casts, dafür, dass wir mit den Figuren mitfühlen, mitfiebern, leiden und rätseln.


So entfaltet sich ein spannender, verstörender Psychothriller, dessen zynisches Ende voller schwarzem Humor noch lange nachhallt. Subtil, aber konsequent, spiegelt der Film die Einsamkeit, fehlende Selbstwirksamkeit, mangelnde Reflektionsfähigkeit und Orientierungslosigkeit unserer Gesellschaft in der Social-Media-Ära wider. Man sehnt sich augenscheinlich nach Ehrlichkeit und Authentizität, sieht sich dieser dann doch nicht gewachsen und flüchtet sich in oberflächliche Verbindungen.


Tonal bewegt sich der Film geschickt zwischen Indie-Ästhetik, stylischen Bildern und bewusstem Cringe. Doch nicht nur das: Der Film ist auch ein scharfsinniger Kommentar über Stardom, blindem Fan-Sein, die Musikindustrie, Selbstbild und künstlerische Wahrheit – über das, was wir verkaufen und wie wir es verkaufen.

Gesehen im Rahmen der Berlinale 2025 in der Sektion Berlinale Special Gala.

Bewertung: 9/10 ♥️

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